Wie oft Olivenöl gefälscht wird und woran es auffliegt

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Das Öl, das 2019 auf manchem deutschen Restauranttisch stand, kam aus der Provinz Foggia und hatte mit Oliven wenig zu tun. Carabinieri und Europol beschlagnahmten damals 150.000 Liter und nahmen 20 Personen fest. Die Gruppe hatte minderwertiges Saatenöl mit Chlorophyll und Beta-Carotin so eingefärbt, dass es als nativ extra durchging, und es vor allem an Gastronomen in Deutschland verkauft. Europol schätzte ihre Einnahmen auf rund 8 Millionen Euro im Jahr.

Fälle wie dieser prägen das Bild, und Olivenöl gilt tatsächlich bis heute als eines der Lebensmittel, bei denen in der EU am häufigsten betrogen wird. Der gewöhnliche Betrug sieht allerdings unspektakulärer aus. Meist ist echtes Olivenöl in der Flasche, verkauft unter einer zu guten Güteklasse oder mit falscher Herkunft.

Sechs Arten zu betrügen

Zwischen einem schlecht gelagerten Öl und einer kriminellen Fälschung liegt ein weites Feld. Am häufigsten ist die falsche Güteklasse. Ein natives Olivenöl oder sogar Lampantöl wird als nativ extra verkauft, mit Absicht oder schlicht als Folge von Alterung, wenn ein Öl bei der Abfüllung noch extra war und es im Regal nicht mehr ist.

Beim Verschnitt wird natives Öl mit raffiniertem Olivenöl, Tresteröl oder Lampantöl gestreckt. Gröber geht es mit fremden Ölen zu, mit Sonnenblumen-, Soja-, Raps-, Palm- oder Haselnussöl, das oft mit Chlorophyll und Beta-Carotin nachgefärbt wird. Raffinierter ist die sanfte Desodorierung. Fehlerhafte Öle werden bei niedriger Temperatur von ihren Fehlgerüchen befreit und dann unter gutes Öl gemischt.

Bleiben die Papiertricks. Öl aus Spanien, Griechenland, Tunesien oder der Türkei wird als italienisch verkauft oder als Öl einer geschützten Region. Abgelaufene Ware bekommt ein neues Datum, einfaches Öl ein neues Etikett.

Die Kategorien selbst sind in der EU genau festgelegt, von nativ extra bis zum Tresteröl, und wie die Güteklassen voneinander abgegrenzt werden, regelt dieselbe Verordnung. Ein Öl unterhalb von nativ extra als extra zu verkaufen, verstößt gegen das Vermarktungsrecht, auch wenn es gesundheitlich völlig unbedenklich ist.

Fünf Fälle aus zwölf Jahren

2012 flog in Spanien die Operation Lucerna auf. In einer Biodieselanlage wurden Palm-, Avocado- und Sonnenblumenöl gemischt, chemisch so behandelt, dass verräterische Marker verschwanden, und als Olivenöl verkauft. Es gab 19 Festnahmen. Der Schwerpunkt lag in Jaén und Córdoba, dahinter stand ein Netzwerk aus rund 30 Firmen in Spanien, Italien und Portugal.

Vier Jahre später ging es in Italien um die Herkunft. Bei der Operation Mamma mia ließ die Staatsanwaltschaft Trani über 2.000 Tonnen Öl im Wert von mehr als 13 Millionen Euro beschlagnahmen. Griechisches und spanisches Öl war 2014 und 2015 als 100 Prozent italienisch verkauft worden. Neben Lebensmittelbetrug ermittelte die Staatsanwaltschaft auch wegen falscher Rechnungen über mehr als 13 Millionen Euro.

2019 folgte der Fall aus Foggia mit den deutschen Restaurants.

2023 traf es Spanien gleich zweimal. Bei der Operation Edesia wurden nach einer Warnung der Lebensmittelbehörde AESAN 17 Marken zurückgerufen und rund 70.000 Liter gesperrt. In Fünf-Liter-Kanistern mit der Aufschrift nativ extra steckte eine Mischung aus Saatenöl und raffiniertem Tresteröl. Im selben Jahr meldete Europol einen Ableger der Operation Opson in Spanien und Italien mit 11 Festnahmen und über 260.000 Litern ungenießbarem Öl. Lampantöl war untergemischt und als nativ oder nativ extra verkauft worden. Aufgeflogen ist der Fall bei der Kontrolle eines Tanklasters bei Ciudad Real.

Auffällig ist der Zeitpunkt der jüngeren Fälle. Nach der sehr schwachen spanischen Ernte 2022/23 waren die Erzeugerpreise stark gestiegen, und Europol brachte den Fall von 2023 ausdrücklich mit Preisanstieg, geringerer Produktion und hoher Nachfrage in Verbindung. Je mehr ein Liter gutes Öl kostet, desto mehr lohnt das Strecken. Warum der Olivenölpreis so stark schwankt, hängt vor allem an Wetter und Erntemengen.

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69 Prozent, und was dahintersteckt

Kaum eine Zahl zum Thema wird so oft zitiert und so oft verzerrt. Sie stammt vom Olive Center der University of California in Davis. Im März 2010 kauften die Forscher in kalifornischen Supermärkten 14 importierte und 5 kalifornische Marken mit der Angabe extra virgin. Geprüft wurden die Proben in Australien nach IOC-Methoden sowie nach deutschen und australischen Verfahren, ergänzt durch chemische Analysen in Davis. 69 Prozent der Importöle und 10 Prozent der kalifornischen Öle erfüllten die Kriterien für extra virgin nicht.

Gefälscht im Sinne von fremdem Öl war dabei das wenigste. Die Autoren nannten Oxidation durch Wärme, Licht und Alter, Verschnitt mit raffiniertem Olivenöl sowie schlechte Oliven, Verarbeitung oder Lagerung. Die meisten Öle fielen in der Sensorik durch. In den Flaschen war also Olivenöl, es hatte nur die Klasse extra nicht verdient.

Zwei Einschränkungen gehören dazu. Die Stichprobe war klein, und mitfinanziert wurde die Studie unter anderem von kalifornischen Erzeugern, die ein Interesse am Ergebnis hatten. Die Kernaussage hält trotzdem, denn europäische Kontrollzahlen zeigen ein ähnliches Muster.

Wie Labore den Tricks auf die Spur kommen

Saatenöle

Sonnenblumen-, Soja- oder Maiskeimöl enthalten viel mehr Linolsäure als Olivenöl und ein anderes Muster an Sterolen und Triglyceriden. Die Verordnung (EU) 2022/2104 setzt deshalb Grenzen für Fettsäuren, Sterole und den Kennwert ΔECN42. Eine Übersichtsarbeit um González-Pereira von 2021 beziffert die Nachweisgrenze für linolsäurereiche Öle per HPLC auf etwa 1 Prozent. Grobe Fälschungen wie die aus Foggia fallen im Labor in der Regel auf, sobald jemand eine Probe nimmt.

Haselnussöl

Schwieriger wird es mit Haselnussöl, dessen Fettsäuren denen des Olivenöls stark ähneln. Mit den amtlichen Parametern wird es laut derselben Übersicht erst ab einem Anteil von 20 bis 25 Prozent sicher erkannt. Rechenmodelle auf Grundlage großer Datenbanken echter Öle drücken die Grenze auf etwa 5 Prozent. Daneben gibt es DNA-Verfahren, die allerdings teuer sind.

Raffiniertes Öl und sanfte Desodorierung

Beim Raffinieren entstehen bei hohen Temperaturen Stoffe, die in nativem Öl fehlen, etwa Stigmastadiene und trans-Fettsäuren. Für nativ extra erlaubt die EU höchstens 0,05 mg/kg Stigmastadiene. Auch der UV-Wert Delta K, einer der chemischen Prüfwerte neben Peroxidzahl und K232, schlägt bei Raffination an.

Die sanfte Desodorierung zielt genau darauf, diese Marker zu vermeiden. Das Öl wird nur so warm, dass die Fehlgerüche verdampfen, Raffinationsspuren aber ausbleiben. Hinweise liefern dann die Fettsäureethylester, die bei angegorenen Oliven entstehen und die Behandlung überstehen, sowie die Frischeindikatoren Pyropheophytin und Diacylglyceride. Ganz sicher ist der Nachweis nicht, vor allem bei kleinen Anteilen.

Falsche Herkunft

Am schwersten zu prüfen ist die Herkunft, weil ein griechisches und ein italienisches Öl chemisch beide einwandfrei sein können. Labore arbeiten mit stabilen Isotopen, NMR-Spektroskopie und chemischen Fingerabdrücken, die Klima und Region widerspiegeln. Vor Gericht reicht das oft nicht. Behörden setzen deshalb vor allem auf Papiere, auf Register über Ein- und Ausgänge in Mühlen und Abfüllbetrieben und auf Mengenabgleiche.

Was die Kontrollen in der EU finden

Jeder Mitgliedstaat muss jährlich eine Mindestzahl an Konformitätskontrollen durchführen. 2024 prüften die Behörden nach Angaben der Europäischen Kommission 4.154 Etiketten, 17,8 Prozent davon waren fehlerhaft. Bei 3.083 Kategorieprüfungen entsprach das Öl in 31,3 Prozent der Fälle nicht der angegebenen Güteklasse. Repräsentativ für den Markt seien diese Zahlen nicht, betont die Kommission, weil gezielt risikoreiche Produkte geprüft werden.

Genauer hingeschaut hat der Europäische Rechnungshof in seinem Sonderbericht 01/2026. Er untersuchte die Kontrollsysteme in Belgien, Griechenland, Spanien und Italien für die Jahre 2018 bis 2023. In 14 Prozent der Prüfungen fanden sich Etikettenfehler, in 32 Prozent eine falsche Kategorie. Von den chemischen Analysen waren 93 Prozent in Ordnung, von den sensorischen Bewertungen nur 68 Prozent. Der Panel-Test erweist sich damit als das schärfste Werkzeug.

Rund ein Drittel der falschen Kategorien ließ sich klar auf Alterung zurückführen, beim Rest blieb die Ursache offen. Auch die Strafen wirken sehr unterschiedlich. In Griechenland berücksichtigen Bußgelder den Gewinn aus dem Betrug nicht, und Verfahren dauerten dort im Schnitt 14 Monate. Eine eigene Stichprobe hat der Rechnungshof ebenfalls gezogen. Von 28 im Handel gekauften Ölen entsprachen 2 nicht ihrer Kategorie.

Das europäische Netzwerk gegen Lebensmittelbetrug meldet Olivenöl regelmäßig. Im Jahresbericht für 2023 stieg die Zahl der Betrugsverdachtsfälle insgesamt um 26 Prozent auf 758. Bei Fetten und Ölen gab es mehr Fälle als im Vorjahr, meist ging es um minderwertiges Olivenöl, das als nativ extra verkauft wurde.

Behandschuhte Hände pipettieren Olivenöl in Probengläschen im Labor

Beim Einkauf

Ganz schützen kann man sich als Käufer nicht. Das Risiko lässt sich aber deutlich senken, und das Erntejahr ist dabei ein guter Anfang. Es darf nur angegeben werden, wenn das ganze Öl aus dieser Ernte stammt, und ein Öl mit Erntejahr ist meist frischer und besser rückverfolgbar als eines ohne. Ähnlich verhält es sich mit der Herkunft. Eine Region, eine Mühle oder eine geschützte Ursprungsbezeichnung sagen mehr als "Mischung von Olivenölen aus der Europäischen Union".

Auch der Preis ist ein Signal. Ein nativ extra deutlich unter dem üblichen Marktpreis ist kein Schnäppchen, sondern ein Warnzeichen, vor allem in Jahren mit hohen Erzeugerpreisen. Dunkle Flaschen oder Kanister sind besser als Ware aus dem hellen Schaufenster. Und dann hilft die eigene Nase. Ein extra soll fruchtig sein und darf keinen Fehler haben, was ranzig, stichig oder nach gar nichts riecht, ist es meist nicht. Händler, die Analysen offenlegen, kann man nach den Werten fragen.

Hausmittel helfen dagegen wenig. Ob ein Öl im Kühlschrank fest wird, verrät über seine Echtheit nichts, und auch die anderen Tests mit Kühlschrank und Hausmitteln halten einer Prüfung nicht stand. Welche Angaben auf der Flasche verpflichtend sind, lässt sich beim Lesen des Etiketts Punkt für Punkt prüfen. Bei einem konkreten Verdacht ist die Lebensmittelüberwachung des Landkreises zuständig. Die Behörden gehen solchen Hinweisen nach, und Beschwerden von Verbrauchern fließen in ihre Risikoanalyse ein.

Häufige Fragen

Wie häufig ist gefälschtes Olivenöl im Supermarkt?

Belastbare Zahlen für den ganzen Markt gibt es nicht, weil Behörden gezielt verdächtige Produkte prüfen. Häufiger als komplett falsche Öle sind Öle, die als nativ extra verkauft werden, die Kriterien aber nicht mehr erfüllen.

Warum wird gerade Olivenöl so oft gefälscht?

Weil gutes Olivenöl teuer ist und sich das Strecken umso mehr lohnt, je höher die Preise steigen. Die jüngeren Fälle fielen in eine Zeit schwacher Ernten und hoher Erzeugerpreise.

Ist gepanschtes Olivenöl gesundheitsschädlich?

Meist nicht akut, in vielen Fällen wurden ungiftige Pflanzenöle beigemischt. Es gibt aber Fälle, in denen Behörden die Ware als nicht zum Verzehr geeignet einstuften, etwa bei Lampantöl.

Kann man Fälschungen am Geschmack erkennen?

Grobe Fälle oft, weil gestreckte oder desodorierte Öle flach und ohne Fruchtigkeit schmecken. Kleine Anteile fremder Öle oder eine falsche Herkunft lassen sich dagegen nicht herausschmecken.

Hilft der Kühlschranktest?

Nein. Ob und wie ein Öl in der Kälte fest wird, hängt von Sorte, Fettsäuren und Wachsen ab, mit der Echtheit hat es nichts zu tun.

Quellen

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