Auf dem Boden der Siederei liegt eine grüne, warme Masse, so groß wie ein Zimmer. Männer mit Holzbrettern unter den Schuhen laufen darüber und treten sie glatt, bis sie überall gleich dick ist. Am nächsten Tag wird sie in Würfel geschnitten, jeder Würfel bekommt den Stempel des Hauses, und dann beginnt das lange Warten.
So beschreiben Augenzeugen und Fachliteratur die Herstellung der Aleppo-Seife, arabisch Sabun al-Ghar, Lorbeerseife. Sie besteht im Kern aus Olivenöl, Lauge, Wasser und einem Anteil Lorbeeröl. Im Dezember 2024 hat die UNESCO das Handwerk in die Liste des immateriellen Kulturerbes aufgenommen, ausgerechnet in einer Zeit, in der in Aleppo nur noch wenige Siedereien arbeiten.
Drei Tage im Kessel, neun Monate im Turm
Gesotten wird traditionell im Winterhalbjahr, etwa von November bis März. Olivenöl kommt mit Wasser und Natronlauge in große, eingemauerte Kessel, die von unten befeuert werden. Bis zu drei Tage kocht die Mischung, dabei wird immer wieder gerührt und Lauge nachgegeben. Aus Fett und Lauge entstehen Seife und Glycerin. Überschüssige Lauge wird abgelassen, die Masse mit Wasser nachgewaschen. Erst kurz vor dem Ende rühren die Sieder das Lorbeeröl ein.
Dann folgt die Szene vom Anfang. Die heiße Seife wird auf gewachstes Papier oder Folie gegossen, kühlt einen Tag lang aus, wird geglättet, geschnitten und gestempelt. Die Stücke stapelt man versetzt zu hohlen Türmen, damit Luft an jede Seite kommt. Sechs bis neun Monate trocknen sie so, manche Hersteller lassen sie länger liegen.
In dieser Zeit passiert sichtbar etwas. Außen färbt sich die Seife honig- bis ockerfarben, innen bleibt sie olivgrün. Restliche freie Lauge reagiert mit Luft, Wasser verdunstet, die Seife wird härter und hält beim Waschen länger. Ein frisch gesiedetes Stück wäre weich und würde rasch zerfallen.

Was der Lorbeeranteil verrät
Auf vielen Stücken steht eine Prozentzahl, etwa 5, 12, 20, 40 oder sogar 55 Prozent. Gemeint ist der Anteil des Lorbeeröls an den Ölen insgesamt, der Rest ist Olivenöl. Üblich sind 2 bis 40 Prozent. Lorbeeröl ist deutlich teurer als Olivenöl, deshalb steigt der Preis mit dem Anteil. Nach einem Reuters-Bericht von 2010 gelten Seifen mit mehr als 16 Prozent Lorbeeröl als die bessere Qualität, sie gehen überwiegend in den Export nach Europa und Ostasien.
Mehr Lorbeer heißt allerdings nicht automatisch mehr Pflege. Das Öl bringt den würzigen, leicht harzigen Duft, macht die Seife fester und den Schaum etwas kräftiger. Laborversuche schreiben Lorbeeröl antimikrobielle Eigenschaften zu, ob das in einer Seife, die nach einer halben Minute abgespült wird, irgendeine Rolle spielt, hat niemand sauber untersucht. Lorbeer enthält außerdem Sesquiterpenlactone wie Costunolid, die Kontaktallergien auslösen können. Öl aus den Samen des Lorbeerbaums steht in der EU-Kosmetikverordnung auf der Liste verbotener Stoffe (Anhang II, Nummer 359). Für Aleppo-Seife wird nach den Angaben der Hersteller das Fruchtöl verwendet, die Seifen sind frei im Handel. Für Menschen mit bekannter Lorbeer- oder Korbblütlerallergie ist eine Seife mit 40 Prozent Lorbeer trotzdem kein guter Einstieg.
Für welche Haut, für welches Haar
Aleppo-Seife ist eine echte Seife, also alkalisch. Gewöhnliche Seifen liegen in Lösung meist bei einem pH-Wert von 9 bis 10, das zeigte eine Messreihe indischer Dermatologen von 2014, die gesunde Hautoberfläche bei etwa 5,5. Daran ändert auch das Olivenöl nichts. Die Haut puffert den Unterschied bei den meisten Menschen in kurzer Zeit ab. Bei sehr trockener Haut oder Neurodermitis kann eine Seife aber spannen und reizen, egal wie traditionell sie hergestellt ist.
Der Ruf als mild kommt eher von dem, was fehlt: kein Parfüm, keine Farbstoffe, keine Konservierungsstoffe. Wer auf Duftstoffe reagiert, hat damit tatsächlich weniger Probleme, solange der Lorbeer vertragen wird. Für normale bis fettige Haut nehmen viele eine Seife mit höherem Lorbeeranteil, für trockene Haut eher eine mit wenig Lorbeer. Belastbare Studien zu dieser Faustregel gibt es nicht, sie stammt aus der Praxis der Händler. Was reines Olivenöl auf der Haut bewirkt, zeigt der Beitrag über Olivenöl und Hautbarriere.
Traditionell wurde die Seife bei Akne, Schuppenflechte, Krätze und Läusen eingesetzt. Belege für solche Anwendungen fehlen, bei Hauterkrankungen gehört die Behandlung in ärztliche Hand.
Haare waschen mit Aleppo-Seife
Viele benutzen sie als festes Shampoo. Das funktioniert, hat aber zwei Haken. Seife ist alkalisch und raut die Schuppenschicht des Haars auf, und mit kalkhaltigem Leitungswasser bildet sie Kalkseife, einen grauen, stumpfen Film. Eine saure Spülung mit verdünntem Essig oder Zitronensaft glättet das Haar danach wieder. In Gegenden mit hartem Wasser geben viele den Versuch nach ein paar Wochen auf. Wie Olivenöl selbst im Haar wirkt, beschreibt der Artikel Olivenöl für die Haare.
Krieg und Exil
Vor 2011 standen in und um Aleppo mehr als hundert Seifensiedereien, manche Berichte sprechen von über 200 Betrieben jeder Größe. Viele wurden im Bürgerkrieg zerstört oder geplündert, Reporter fanden von manchen Werkstätten nur ausgebrannte Betonrahmen. Als die UNESCO das Handwerk Ende 2024 auszeichnete, arbeiteten nach einem Bericht von Al-Monitor in der Stadt nur noch rund zehn.
Ein großer Teil der Sieder ist über die Grenze gegangen. Die Familie Zahra produziert heute in Mersin, Talal Anis zog über Afrin nach Gaziantep, ein anderer Betrieb nach Nizip. Anis und sein Partner stellten vor dem Krieg bis zu 800 Tonnen Seife im Jahr her, später höchstens 250 Tonnen. Mindestens ein Hersteller hat in Frankreich neu angefangen. Ob die Familien nach dem Sturz Assads im Dezember 2024 zurückgehen, war bei Redaktionsschluss offen.

Echte Aleppo-Seife erkennen
Der Name ist nicht geschützt. Aleppo-Seife muss weder aus Aleppo noch aus Syrien kommen, und auch Seifen aus der Türkei, Frankreich oder Deutschland tragen ihn. Das ist kein Betrug, solange die Machart stimmt. Einige Hinweise helfen beim Einordnen:
- Die Zutatenliste nennt Sodium Olivate, Sodium Laurate oder Laurus Nobilis, Wasser und eventuell Glycerin. Palmöl, Parfüm und Farbstoffe gehören nicht in die klassische Rezeptur.
- Ein Stempel des Herstellers ist in das Stück gepresst.
- Außen ocker bis braun, innen grün. Ein durchgehend grünes Stück hat entweder kaum gereift oder ist anders hergestellt.
- Die Kanten sind leicht unregelmäßig, die Würfel von Hand geschnitten.
- Der Lorbeeranteil steht auf der Packung.
Neuere Varianten werden im Kaltverfahren gerührt, ohne tagelanges Kochen, manchmal mit Kräutern oder ätherischen Ölen. Das ergibt ordentliche Seifen, mit dem Handwerk aus Aleppo haben sie wenig zu tun. Die Behauptung, echte Aleppo-Seife schwimme im Wasser, findet sich oft, eine verlässliche Quelle dafür gibt es nicht.
Wie alt die Tradition wirklich ist
Händler erzählen gern, schon Kleopatra und Königin Zenobia von Palmyra hätten die Seife geschätzt. Belegt ist das nicht. Seife kannten bereits die Römer, um 300 nach Christus beschrieb der Alchemist Zosimos von Panopolis ihre Herstellung. Dass Seifensieden erst mit den Kreuzfahrern aus der Levante nach Europa gekommen sei, gilt heute als zweifelhaft. Sicher ist, dass in Aleppo seit vielen Jahrhunderten Seife gesiedet wird und dass die großen Manufakturen im Viertel Bab Qinnisrin ab dem 16. Jahrhundert wuchsen. Auch das Wort Alkali hat übrigens arabische Wurzeln, al-qalī bezeichnete die Pflanzenasche, aus der früher die Lauge gewonnen wurde. Wie Olivenöl zum Grundstoff von Seifen am ganzen Mittelmeer wurde, zeigt die Geschichte von Kastilien bis Marseille, die ältere Vorgeschichte die Geschichte des Olivenöls.
Trocken gelagert hält ein Stück Aleppo-Seife jahrelang. Zwischen zwei Anwendungen sollte es auf einer Schale liegen, die Wasser ablaufen lässt, sonst wird es schmierig.
Häufige Fragen
Wie lange hält Aleppo-Seife?
Trocken gelagert viele Jahre. Sie wird mit der Zeit eher härter und ergiebiger. Im Bad auf einer gut abtropfenden Schale lagern.
Welcher Lorbeeranteil ist der richtige?
Für trockene, empfindliche Haut nehmen viele niedrige Anteile um 5 bis 12 Prozent, für fettige Haut höhere. Dahinter steht Erfahrungswissen der Händler, Studien gibt es dazu nicht. Bei Lorbeerallergie lieber eine reine Olivenölseife wählen.
Kann man Aleppo-Seife für Gesicht und Haare benutzen?
Ja, wenn die Haut sie verträgt. Fürs Haar ist bei hartem Wasser eine saure Rinse danach sinnvoll, sonst bleibt ein stumpfer Film.
Quellen
- Wikipedia (englisch): Aleppo soap
- Wikipedia (deutsch): Aleppo-Seife
- Mey Dudin, Qantara.de (2017): Aleppo soap, balsam from a war zone
- Al-Monitor/AFP (2024): UNESCO grants heritage status to Aleppo soap as Syria war flares
- New Lines Magazine: The resilient artisans keeping Aleppo soap alive
- Tarun J et al. (2014): Evaluation of pH of Bathing Soaps and Shampoos for Skin and Hair Care. Indian Journal of Dermatology
- Verordnung (EG) Nr. 1223/2009 über kosmetische Mittel, Anhang II

