Christus ist kein Nachname. Das griechische Christos übersetzt das hebräische Maschiach, und beides heißt: der Gesalbte. Gesalbt wurde mit Olivenöl. Damit steckt der Ölbaum mitten im Namen einer Weltreligion, und in Judentum und Islam ist er kaum weniger präsent, als Licht im Tempel, als Zeichen der Erwählung und als gesegneter Baum im Koran.
Olivenöl taucht in der Bibel so oft auf, dass man leicht den Überblick verliert. Vier Linien lassen sich gut auseinanderhalten: Öl als Licht, Öl als Salbung, der Ölberg als Ort und das Öl als ganz normales Lebensmittel.
Das reinste Öl für den Leuchter
Im 2. Buch Mose bekommt Mose eine klare Anweisung. Die Israeliten sollen für den Leuchter im Heiligtum reines Öl aus zerstoßenen Oliven bringen, damit die Lampen ständig brennen (2. Mose 27,20). Die rabbinische Auslegung versteht unter dem zerstoßenen Öl die ersten Tropfen, die beim Zerkleinern der Früchte von selbst austreten, noch bevor man mit schweren Pressgewichten nachhilft. Es war das klarste Öl der Ernte und brannte mit wenig Ruß.
Aus diesem Leuchter, der Menora, ist das Fest erwachsen, das bis heute am stärksten mit Olivenöl verbunden ist. Chanukka erinnert an die Wiedereinweihung des Tempels nach dem Aufstand der Makkabäer im 2. Jahrhundert vor Christus. Der babylonische Talmud erzählt im Traktat Schabbat 21b die Geschichte dazu. Im verwüsteten Tempel fand sich nur ein einziges Krüglein reines Öl mit dem Siegel des Hohepriesters, genug für einen Tag. Es brannte acht Tage lang, bis neues Öl gepresst und herbeigeschafft war.
Historiker weisen darauf hin, dass die Makkabäerbücher selbst kein Ölwunder kennen. Die Erzählung steht erst im Talmud, Jahrhunderte nach den Ereignissen. Für das Fest spielt das keine Rolle. Acht Abende lang wird ein Licht mehr angezündet, und viele Familien nehmen dafür bewusst Olivenöl statt Kerzen. In der Küche setzt sich der Brauch fort, mit Kartoffelpuffern und in Öl gebackenen Krapfen.
Ein zweites Bild steht beim Propheten Sacharja. Er sieht einen goldenen Leuchter, links und rechts davon zwei Ölbäume, die ihn mit Öl versorgen. Der Engel deutet sie als die beiden Gesalbten, und dazu fällt der berühmte Satz, dass es nicht durch Heer oder Kraft geschehen soll, sondern durch Gottes Geist (Sacharja 4,6). Leuchter und Ölzweige finden sich heute im Staatswappen Israels wieder, die Geschichte des Zweigs als Symbol für Frieden reicht allerdings noch weiter zurück.

Salben mit Myrrhe, Zimt und Olivenöl
Das Öl für die Salbung war in der Tora genau festgelegt. 2. Mose 30 nennt die Mischung: 500 Schekel Myrrhe, je 250 Schekel Zimt und Kalmus, 500 Schekel Kassia und dazu eine Kanne Olivenöl, nach Luthers Wort. Mit dieser Salbe wurden das Heiligtum, seine Geräte, Aaron und seine Söhne geweiht. Nachmachen durfte man sie nicht, und auf einen gewöhnlichen Menschen gießen auch nicht.
Später salbten Propheten die Könige. Samuel gießt das Öl über Saul und dann über David. Die Salbung machte aus einem Menschen jemanden, der für eine Aufgabe ausgesondert war, und genau aus diesem Gedanken entstand die Erwartung eines künftigen Gesalbten, des Messias.
Die christlichen Kirchen haben die Salbung als Sakramentszeichen übernommen. In der katholischen Kirche weiht der Bischof jedes Jahr in der Chrisammesse, meist am Gründonnerstag oder kurz davor, drei Öle. Grundlage ist bei allen dreien Olivenöl.
- Chrisam, Olivenöl mit beigemischtem Balsam, für Taufe, Firmung, Priester- und Bischofsweihe und die Weihe von Altären und Kirchen
- Katechumenenöl für die Salbung der Taufbewerber vor der Taufe
- Krankenöl für die Krankensalbung, aufgetragen auf Stirn und Hände
Bei der Taufe eines Kindes kommen also zwei Öle vor: vorher das Katechumenenöl auf der Brust, nachher der Chrisam auf dem Scheitel. Der Balsam im Chrisam soll an den "Wohlgeruch Christi" erinnern, von dem Paulus schreibt. Die Krankensalbung beruft sich auf den Jakobusbrief, in dem die Ältesten der Gemeinde über Kranken beten und sie mit Öl salben sollen (Jakobus 5,14). Die orthodoxen Kirchen kennen ein eigenes, besonders aufwendig bereitetes Salböl, das Myron. In evangelischen Gemeinden ist die Salbung kein Sakrament, Segnungs- und Salbungsgottesdienste gibt es dort aber ebenfalls. An vielen orthodoxen Fastentagen ist Olivenöl dagegen gerade das, worauf man verzichtet, mehr dazu unter Olivenöl beim Fasten.
Welches Öl man für eine Salbung nimmt, ist in der katholischen Kirche damit klar geregelt: geweihtes Öl auf der Basis von Olivenöl. Die alte Lehre nannte reines Olivenöl als Bedingung für die Gültigkeit der Firmung. Das geltende Kirchenrecht von 1983 spricht von Öl aus Oliven oder anderen Pflanzen (can. 847 CIC). In der Praxis bleibt es fast überall beim Olivenöl.
Der Berg mit der Ölpresse
Östlich der Jerusalemer Altstadt, jenseits des Kidrontals, liegt der Ölberg. Seinen Namen hat er von den Ölbäumen, die hier seit der Antike wachsen. An seinem Fuß liegt der Garten Getsemani, und auch dieser Name hat mit Öl zu tun: Getsemani bedeutet auf Aramäisch oder Hebräisch Ölpresse. Bei Grabungen 1956 kamen dort Spuren von Ölproduktion aus der späten Zeit des Zweiten Tempels zutage.
In den Evangelien ist der Ölberg ein Ort der großen Szenen. Von hier zieht Jesus nach Jerusalem ein, hier hält er die sogenannte Ölbergrede über das Ende der Zeit (Matthäus 24 und 25, Markus 13), hier betet er in der Nacht vor seiner Verhaftung in Getsemani, und hier lokalisiert die Apostelgeschichte die Himmelfahrt.
Die knorrigen Bäume im Garten sehen aus, als hätten sie das alles miterlebt. Ganz so alt sind sie nicht. Ein Team des italienischen Nationalen Forschungsrats CNR datierte 2012 drei der acht Stämme per Radiokarbon auf die Jahre 1092, 1166 und 1198. Die Erbgutanalyse ergab, dass alle untersuchten Bäume vom selben Mutterbaum stammen. Ob die Wurzeln älter sind, ließ sich nicht klären. Ölbäume treiben nach dem Fällen aus dem Stock wieder aus, und genau das macht die Altersbestimmung so schwierig, wie der Beitrag über die ältesten Olivenbäume der Welt ausführlicher zeigt.

Nicht jeder Ölberg hat mit Oliven zu tun. Der Große Ölberg im Siebengebirge bei Königswinter, mit rund 460 Metern der höchste Gipfel des Gebirges und beliebtes Ausflugsziel von Bonn aus, hieß 1407 noch Malberg. Erst ab dem 17. Jahrhundert schreibt man Oelberg, das M ist im Lauf der Zeit verloren gegangen. Mit dem Jerusalemer Berg verbindet ihn also nur der Klang.
Der gesegnete Baum im Koran
Im Koran wird der Ölbaum mehrfach genannt, am berühmtesten im Lichtvers, Sure 24, Vers 35. Gottes Licht wird dort mit einer Lampe in einer Nische verglichen. Die Flamme sitzt in einem Glas, das wie ein funkelnder Stern leuchtet, und sie wird gespeist vom Öl eines gesegneten Ölbaums, der weder östlich noch westlich ist. Das Öl ist so klar, dass es fast von selbst leuchtet, auch ohne dass Feuer es berührt. Licht über Licht, heißt es am Ende.
Was "weder östlich noch westlich" bedeutet, haben die Ausleger unterschiedlich verstanden. Eine verbreitete Deutung denkt an einen Baum, der frei steht und den ganzen Tag Sonne bekommt, dessen Öl darum besonders rein ist. Andere lesen darin, dass Gottes Licht keiner Himmelsrichtung und keinem Volk gehört.
Sure 95 beginnt mit einem Schwur: "Bei der Feige und dem Ölbaum", es folgen der Berg Sinai und die sichere Stadt Mekka. Manche Kommentatoren beziehen den Ölbaum auf Jerusalem. Sure 23, Vers 20 spricht von einem Baum, der am Berg Sinai wächst und Öl und Zukost für die Essenden hervorbringt. Und in der Sammlung von at-Tirmidhi ist ein Wort des Propheten überliefert, man solle das Öl essen und sich damit einreiben, denn es komme von einem gesegneten Baum. Die Überlieferungswege dieses Hadith gelten unter Gelehrten als nicht ganz einheitlich.
Öl auf dem Tisch
Bei aller Symbolik war Olivenöl für die Menschen in Galiläa, Judäa oder auf der Arabischen Halbinsel vor allem eines: Alltag. Es kam ins Brot und in die Pfanne, man rieb sich nach dem Bad damit ein, man versorgte damit Wunden wie der barmherzige Samariter, der Öl und Wein in die Verletzungen des Überfallenen gießt. Im Deuteronomium gehört der Ölbaum zu den sieben Früchten des verheißenen Landes, neben Weizen, Gerste, Wein, Feige, Granatapfel und Honig.
Diese Alltäglichkeit macht die religiösen Bilder erst verständlich. Ein Zeichen wirkt, wenn jeder den Gegenstand kennt. Wie das Öl damals gewonnen wurde, mit Steinmühlen und Pressbalken, und wie sich die Technik bis zur heutigen Ölmühle mit Dekanter verändert hat, ist eine eigene Geschichte. Der größere Bogen von den ersten Ölresten in Tongefäßen bis zum Welthandel findet sich in der Geschichte des Olivenöls.
Häufige Fragen
Welches Öl wird bei der Salbung verwendet?
In der katholischen Kirche geweihtes Olivenöl. Für Taufe, Firmung und Weihen ist es Chrisam, also Olivenöl mit Balsam, für die Krankensalbung das Krankenöl, für Taufbewerber das Katechumenenöl.
Was bedeutet Salbung mit Öl in der Bibel?
Sie sondert einen Menschen oder Gegenstand für Gott aus. Priester, Könige und das Heiligtum wurden gesalbt, daher die Titel Messias und Christus, beide bedeuten der Gesalbte.
Was ist das Ölwunder von Chanukka?
Nach dem Talmud fanden die Makkabäer im Tempel nur Öl für einen Tag, es brannte aber acht Tage. Daran erinnern die acht Lichter des Chanukkaleuchters.
Wo steht Olivenöl im Koran?
Am bekanntesten im Lichtvers, Sure 24,35, mit dem gesegneten Ölbaum, weder östlich noch westlich. Dazu kommen Sure 95,1 und Sure 23,20.
Wie alt sind die Ölbäume im Garten Getsemani?
Drei Stämme wurden 2012 auf das 11. und 12. Jahrhundert datiert. Die Wurzeln können älter sein, nachweisen ließ sich das nicht.
Warum heißt der Ölberg im Siebengebirge so?
Der Name geht auf einen älteren Namen Malberg zurück, belegt seit 1407. Mit Oliven hat er nichts zu tun.
Quellen
- Lutherbibel 2017, 2. Mose 30 (Salböl)
- Lutherbibel 2017, 2. Mose 27 (Öl für den Leuchter)
- Jüdische Allgemeine: Sieben Lampen und zwei Ölbäume (Sacharja 4)
- Jüdische Allgemeine: Wundern über das Wunder (Chanukka, Talmud Schabbat 21b)
- Yeshivat Har Etzion: The Miracle of the Oil and the History of Chanuka
- Vatican News: Gründonnerstag, Chrisammesse und Abendmahlsmesse (2025)
- Diözese Linz: Chrisammesse im Linzer Mariendom (2024)
- Catholic Encyclopedia (New Advent): Chrism
- Wikipedia: Gethsemane
- Wikipedia: Großer Ölberg
- Quran.com: Sure 24, Vers 35
- Quran.com: Sure 95 und Sure 23, Vers 20
- Sunnah.com: Jami at-Tirmidhi 1852 (Olivenöl)
- Code of Canon Law (1983), can. 847, englische Fassung des Heiligen Stuhls

