Was Olivenöl für die Haare tut und was nicht

Hände geben Olivenöl in trockene Haarspitzen, daneben Handtuch und Kamm

"Olivenöl lässt die Haare wachsen" steht in vielen Ratgebern, oft mit Verweis auf eine Studie. Diese Studie gibt es tatsächlich. Nur wurde darin kein Olivenöl verwendet, sondern gereinigtes Oleuropein in einer Alkohollösung, und die Versuchstiere waren Mäuse.

Für die Haarpflege taugt Olivenöl trotzdem, nur eben in bescheidenerem Rahmen: als Kur für trockene, raue Längen und Spitzen. Bei Schuppen ist Vorsicht angebracht, bei Babys raten Gesundheitsbehörden inzwischen ganz davon ab.

Hände geben Olivenöl in trockene Haarspitzen, daneben Handtuch und Kamm

Was Öl im Haar tatsächlich bewirkt

Ein Haar besteht aus einem Faserkern, dem Cortex, und einer Hülle aus dachziegelartigen Schuppen, der Kutikula. Bei jeder Haarwäsche saugt es Wasser auf, quillt und trocknet wieder. Dieses ständige Quellen und Schrumpfen strapaziert die Schuppenschicht, Kosmetikforscher sprechen von hygraler Ermüdung.

Öle können hier helfen, und zwar auf zwei Wegen. Ein Teil dringt in die Faser ein, ein Teil bleibt als Film außen. Eine Übersicht der brasilianischen Dermatologin Maria Fernanda Gavazzoni Dias im International Journal of Trichology (2015) fasst die Laborbefunde so zusammen: Gesättigte und einfach ungesättigte Öle ziehen deutlich besser ins Haar ein als mehrfach ungesättigte. Olivenöl gehört mit seinem hohen Ölsäureanteil zur zweiten Gruppe; wie sich seine Fettsäuren verteilen, erklärt, warum es sich anders verhält als Sonnenblumenöl. In Versuchen von Keis und Mitarbeitern (2005) deutete das Verhalten von Olivenöl unter Wärme darauf hin, dass es in die Faser eindiffundiert, ähnlich wie Kokosöl, anders als Mineralöl.

Messbar ist am Ende vor allem die Wirkung des Films. Geölte Haarsträhnen nahmen weniger Wasser auf, ließen sich in einer anderen Arbeit nass leichter kämmen und bildeten weniger Spliss. Das passt zu dem, was man im Alltag sieht: geschmeidigere, glänzendere Längen.

Einschränkung Nummer eins: Die gründlichste Studie zum Proteinverlust bei der Haarwäsche, von Rele und Mohile aus Indien (2003), hat Kokos-, Sonnenblumen- und Mineralöl getestet, Olivenöl war nicht dabei. Nur Kokosöl verringerte dort den Eiweißverlust. Einschränkung Nummer zwei: Die schönsten Bilder von unversehrten Haarschuppen unter dem Elektronenmikroskop stammen von einem italienischen Rohstofflieferanten, der 2007 Shampoos mit Olivenderivaten getestet hat. Unabhängig geprüft ist das nicht.

Behauptung Studienlage
Macht trockene Längen geschmeidig und glänzend plausibel, Laborversuche mit Ölen allgemein
Schützt das Haar beim Waschen für Kokosöl gemessen, für Olivenöl nicht
Lässt Haare wachsen nur Mäuse mit reinem Oleuropein, kein Öl
Löst Schuppen weicht Schuppen kurzfristig auf, kann echte Schuppen aber fördern
Gut für die Babykopfhaut NHS rät ab, Studie zeigt Schaden an der Hautbarriere

Wachsen die Haare davon?

Zurück zu den Mäusen. Eine südkoreanische Gruppe um Taehoon Park strich 2015 rasierten Mäusen 28 Tage lang täglich 0,4 Milligramm Oleuropein auf den Rücken, gelöst in einer Mischung aus Alkohol, Wasser und Propylenglykol. Die Haare wuchsen schneller nach als in der Kontrollgruppe und sogar schneller als mit Minoxidil, dem bekannten Haarwuchsmittel. Veröffentlicht wurde das in PLoS ONE.

Für Olivenöl auf dem Kopf sagt das wenig. Oleuropein ist im Öl kaum noch vorhanden, beim Pressen zerfällt es größtenteils in kleinere Polyphenole. Die Dosis im Versuch war eine Reinsubstanz in hoher Konzentration, und Mäusehaut ist keine Menschenkopfhaut. Studien an Menschen mit Haarausfall und Olivenöl gibt es nicht. Wer unter Haarausfall leidet, ist bei einer Hautärztin besser aufgehoben als im Küchenschrank.

Schuppen: Öl ist Futter für den Hefepilz

Hier wird es etwas paradox. Ein Teelöffel Olivenöl auf der Kopfhaut löst Schuppen sichtbar ab, die Kopfhaut fühlt sich danach weicher an. Bei echten Schuppen kann das aber nach hinten losgehen.

Hinter den meisten Schuppen und dem seborrhoischen Ekzem steckt ein Hefepilz der Gattung Malassezia, der auf jeder Kopfhaut lebt. Er braucht langkettige Fettsäuren zum Wachsen. Im Labor züchtet man ihn klassisch, indem man den Nährboden mit einer Schicht Olivenöl überzieht. Die Arbeitsgruppe um Thomas Dawson bei Procter & Gamble zeigte 2005, wie das Schuppenproblem entsteht: Der Pilz spaltet die Fette des Hautfetts, dabei werden freie Fettsäuren frei, und manche davon, allen voran Ölsäure, reizen die Kopfhaut empfindlicher Menschen. Ölsäure ist zugleich der Hauptbestandteil von Olivenöl.

Daraus folgt kein Verbot, aber eine Unterscheidung. Trockene, spannende Kopfhaut mit feinen, weißen Schüppchen verträgt eine Ölkur oft gut. Fettige, gelbliche Schuppen, Juckreiz und Rötung deuten eher auf Malassezia hin, und dann ist ein Shampoo mit pilzhemmendem Wirkstoff wie Zinkpyrithion, Ketoconazol oder Selendisulfid die bessere Wahl. Bei Schuppenflechte der Kopfhaut gehört das Aufweichen der Schuppen zwar zur Behandlung, die amerikanische Dermatologengesellschaft nennt dafür aber eigene Schuppenlöser, die eine Ärztin auswählt.

Haarscheitel mit geröteter Kopfhaut und Schuppen neben einer Pipettenflasche

Babys und Milchschorf

Lange galt Olivenöl als Hausmittel gegen Milchschorf, die gelblichen Krusten auf dem Kopf von Säuglingen. Der britische Gesundheitsdienst NHS rät inzwischen ausdrücklich davon ab und empfiehlt stattdessen eine Pflegecreme oder Kokosöl, um die Schuppen zu lösen, und anschließend ein mildes Babyshampoo.

Grund dafür ist eine Studie aus Sheffield. Simon Danby und sein Team ließen 2013 Erwachsene mit und ohne Neurodermitis vier bis fünf Wochen lang zweimal täglich sechs Tropfen Olivenöl auf einen Unterarm geben. Die oberste Hautschicht wurde dadurch durchlässiger, es kam zu leichten Rötungen. Sonnenblumenöl dagegen schonte die Hautbarriere und verbesserte die Feuchtigkeit. Die Autoren raten, Olivenöl für trockene Haut und Babymassage nicht zu verwenden. Mehr zur Hautbarriere und zur Pflege von Säuglingshaut findet sich unter Olivenöl für Babys; für Erwachsene ist die Lage bei Olivenöl auf der Haut ähnlich gemischt.

Die Kur in fünf Schritten

Für trockenes, dickes oder lockiges Haar ist eine Ölkur einen Versuch wert. Bei feinem, schnell fettendem Haar bleibt meist ein schwerer, strähniger Eindruck.

  1. Wenig nehmen: für kinnlanges Haar etwa einen Teelöffel, für lange Haare einen Esslöffel. Nachgießen geht immer, auswaschen ist mühsam.
  2. In die trockenen Längen und Spitzen einarbeiten, die Kopfhaut aussparen, wenn sie zu Schuppen neigt.
  3. Duschhaube oder Handtuch darüber und etwa 15 Minuten einwirken lassen.
  4. Mit warmem Wasser ausspülen.
  5. Shampoo zweimal anwenden, sonst bleibt ein Fettfilm.

Über Nacht einwirken lassen geht auch. Dass es dann besser wirkt, ist nicht belegt, sicher ist nur ein fleckiger Kissenbezug. Kurrezepte mit Honig, Ei, Avocado oder Kaffeesatz kursieren zu Hunderten; Studien dazu habe ich keine gefunden, sie schaden aber auch kaum, solange alles gründlich ausgewaschen wird. Welches Olivenöl man nimmt, ist zweitrangig. Für die Haare reicht ein günstiges, ein teures natives Öl extra bringt hier keinen Vorteil, dessen Polyphenole sind fürs Essen gedacht.

Bart und Seife

Barthaar ist dicker und meist rauer als Kopfhaar, die Haut darunter neigt zu Trockenheit und Juckreiz, besonders in den ersten Wochen. Zwei, drei Tropfen Olivenöl, zwischen den Handflächen verrieben und in den Bart gestrichen, machen ihn weicher. Handelsübliche Bartöle enthalten oft leichtere Öle wie Jojoba, weil Olivenöl schwerer ist und leicht nach Küche riecht. Wer im Bartbereich zu geröteten, schuppigen Stellen neigt, sollte an Malassezia denken, das seborrhoische Ekzem kommt dort häufig vor.

Seife aus Olivenöl zum Haarewaschen hat Anhänger, vor allem unter Menschen, die auf Shampoo verzichten wollen. Seife ist allerdings alkalisch, Haarshampoos sind meist leicht sauer eingestellt. Viele empfinden das Haar nach Seife als stumpf und rau, eine saure Rinse mit verdünntem Essig gleicht das aus. Wie Olivenölseife aus Kastilien und Marseille hergestellt wird, ist eine Geschichte für sich.

Häufige Fragen

Wie lange soll Olivenöl in den Haaren bleiben?

Etwa 15 Minuten unter einer Duschhaube reichen. Länger schadet nicht, bringt aber nachweislich nichts zusätzlich.

Hilft Olivenöl bei Haarausfall?

Dafür gibt es keine Belege beim Menschen. Die oft zitierte Studie wurde mit reinem Oleuropein an Mäusen gemacht.

Löst Olivenöl Schuppen?

Es weicht sie kurzfristig auf. Bei Schuppen durch Malassezia kann Öl das Problem verstärken, dann ist ein Anti-Schuppen-Shampoo sinnvoller.

Hat Olivenöl in den Haaren Nachteile?

Es macht feines Haar schwer und fettig, lässt sich schwer auswaschen und kann bei empfindlicher Kopfhaut Schuppen und Juckreiz fördern.

Darf ich Olivenöl für die Kopfhaut meines Babys nehmen?

Der NHS rät davon ab. Besser eine unparfümierte Pflegecreme und ein mildes Babyshampoo; bei Rötung, Nässen oder Schwellung zur Kinderärztin.

Kann man Olivenöl als Bartöl benutzen?

Ja, sparsam dosiert. Es ist schwerer als die meisten Bartöle und riecht leicht nach Olive.

Quellen

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