Olivenölseife von Kastilien bis Marseille

Drei Seifenstücke in Grün, Elfenbein und Weiß auf grobem Leinen

Am 5. Oktober 1688 unterschrieb der französische Hof ein Edikt, das unter dem Namen von Jean-Baptiste Colbert bekannt wurde. Artikel 3 regelte, wie in der Provence Seife zu sieden sei, und tierisches Fett hatte darin nichts zu suchen. Mehr als 300 Jahre später zitierte eine Abgeordnete aus Marseille dieses Edikt in der Nationalversammlung, weil Seifen aus Talg und Fabriken weit weg von Marseille denselben Namen trugen wie die alte Olivenölseife.

Olivenölseife ist im Kern schnell erklärt. Olivenöl wird mit Natronlauge gekocht oder gerührt, die Fettsäuren verbinden sich mit Natrium zu Seife, als Nebenprodukt bleibt Glycerin. Auf der Zutatenliste heißt das Ergebnis Sodium Olivate. Steht es ganz vorn, ist Olivenöl die Hauptgrundlage. Steht davor Sodium Tallowate oder Sodium Palmate, dominieren Rindertalg oder Palmöl.

Drei Traditionen im Vergleich

Kastilische Seife Savon de Marseille Nabulsi-Seife
Herkunft Kastilien, Spanien Marseille, Provence Nablus, Westjordanland
Fette Olivenöl 72 Prozent Pflanzenöle, Olivenöl bei der grünen Variante natives Olivenöl
Belegt seit Erwähnung in England 1436/37 Edikt von 1688 bedeutendes Gewerbe im 14. Jahrhundert
Typisch weiß, hart großer Würfel, Stempel auf allen Seiten elfenbeinfarben, fast geruchlos
Namensschutz keiner keiner, Anträge auf geografische Angabe gestellt keiner, UNESCO-Kulturerbe seit 2024

Kastilische Seife wurde nach den Gebieten der Krone von Kastilien benannt, die sie in großen Mengen herstellten und ab dem 16. Jahrhundert über Antwerpen bis nach London verschifften. Die Sieder kochten Olivenöl mit Barilla, der sodahaltigen Asche von Salzpflanzen, und schöpften die Seife nach dem Aussalzen ab. Heraus kam eine harte, weiße Seife, wohl eine der ersten ihrer Art in Europa. In englischen Apotheken hieß sie sapo hispaniensis. Im heutigen englischen Sprachgebrauch ist Castile soap dagegen oft nur noch ein Name für Pflanzenölseife, viele flüssige Castile-Seifen enthalten mehr Kokos- als Olivenöl.

Beim Savon de Marseille geht es meist um die Zahl 72. Gemeint sind 72 Prozent Pflanzenöle in der fertigen Seife, so beschreibt es auch die Anfrage im französischen Parlament von 2011. Das bedeutet keineswegs, dass 72 Prozent Olivenöl drin sein müssen. Die klassische grüne Marseiller Seife wird aus Olivenöl gesotten, die weiße enthält oft Kokos- und Palmöl. Nur noch eine Handvoll Siedereien im Raum Marseille arbeitet im Kessel nach dem alten Verfahren, das mindestens zehn Tage dauert.

Die Nabulsi-Seife aus Nablus braucht nur natives Olivenöl, Wasser und Lauge, ursprünglich aus Barilla-Asche und Kalk. Acht Tage lang wird die Masse in Kupferkesseln eingekocht, dann in Rahmen gegossen, geschnitten, gestempelt und in hohlen Kegeln bis zu einem Jahr getrocknet. Um 1907 produzierten 30 Fabriken in Nablus fast 5.000 Tonnen im Jahr, 2008 liefen in der Altstadt noch zwei. Die syrische Schwester mit Lorbeeröl, die Aleppo-Seife, hat eine ganz ähnliche Geschichte.

Drei Seifenstücke in Grün, Elfenbein und Weiß auf grobem Leinen

Streit um den Namen Marseille

Rechtlich ist Savon de Marseille bis heute kaum geschützt. Ein Dekret Napoleons vom 22. Dezember 1812 schützt nur eine bestimmte Marke, ein Fünfeck mit den Worten huile d'olive, dem Namen des Herstellers und dem der Stadt. Seit 2003 definiert ein Branchenkodex, was als Marseiller Seife gilt. Als die französische Verbraucherschutzbehörde DGCCRF 2007 bei 28 Herstellern und Händlern nachprüfte, wich die Mehrzahl der Produkte von diesem Kodex ab.

Drei Verbände haben beim französischen Patentamt INPI Anträge auf eine geografische Angabe gestellt, mit sehr unterschiedlichen Vorstellungen. Einer davon wurde 2018 abgelehnt, weil er ganz Frankreich als Herstellungsgebiet vorsah. Der Antrag der vier traditionellen Siedereien aus Marseille durchlief 2022 eine öffentliche Anhörung mit 1.685 Stellungnahmen. Eine Entscheidung war in den öffentlich zugänglichen Unterlagen bis zuletzt nicht zu finden. Bis dahin darf jeder Hersteller weltweit Seife als Savon de Marseille verkaufen.

Olivenölseife selber machen

Seife sieden ist Küchenchemie mit einer ätzenden Lauge. Natriumhydroxid verursacht schwere Verätzungen an Haut und Augen, beim Auflösen in Wasser wird die Lösung sehr heiß und dampft. Schutzbrille, Handschuhe, lange Ärmel und ein gut gelüfteter Raum sind Pflicht, Kinder und Haustiere gehören in diesen Minuten aus der Küche. Immer die Lauge ins Wasser geben, nie umgekehrt.

Die Menge Natriumhydroxid ergibt sich aus der Verseifungszahl. Für Olivenöl liegt sie nach dem Codex-Alimentarius-Standard bei 184 bis 196 Milligramm Kaliumhydroxid je Gramm Öl. Umgerechnet auf Natriumhydroxid sind das etwa 131 bis 140 Gramm je Kilogramm Öl. Hobbysieder ziehen davon 5 bis 8 Prozent ab, die sogenannte Überfettung, damit kein freies Ätznatron in der Seife bleibt. Ein Online-Seifenrechner nimmt einem diese Rechnung ab und sollte bei jedem Rezept zur Kontrolle dienen.

Der Ablauf im Kaltverfahren sieht so aus:

  1. Rund 127 Gramm Natriumhydroxid für 1 Kilogramm Olivenöl abwiegen, bei 6 Prozent Überfettung. Die genaue Zahl liefert der Rechner.
  2. Die Lauge in etwa 300 bis 350 Gramm kaltes, destilliertes Wasser rühren und abkühlen lassen.
  3. Öl und Lauge bei ungefähr gleicher Temperatur, um 35 bis 45 Grad, zusammengießen.
  4. Mit dem Stabmixer in kurzen Stößen rühren, bis die Masse puddingartig dick wird und eine Spur auf der Oberfläche stehen bleibt.
  5. In eine Form gießen, abdecken und ein bis zwei Tage ruhen lassen.
  6. Ausformen, in Stücke schneiden und luftig lagern.

Nach vier bis sechs Wochen sind die meisten Seifen benutzbar. Reine Olivenölseife braucht deutlich länger. Sie bleibt anfangs weich und fühlt sich schleimig an, erfahrene Sieder lassen sie sechs Monate bis ein Jahr reifen, dann wird sie hart und mild. Für die erste Seife empfehlen viele deshalb einen Anteil Kokosöl. Flüssige Olivenölseife entsteht übrigens mit Kaliumhydroxid statt Natriumhydroxid, Kaliseifen bleiben weich oder flüssig. Seifenflocken sind dagegen nichts anderes als feste Seife in Spänen, gedacht für Handwäsche und Wolle.

Welches Öl in den Topf kommt, ist weniger wichtig, als viele denken. Für Seife reicht ein einfaches Olivenöl, das teure native Öl verliert seine Aromen in der Lauge ohnehin. Auch eine Flasche, die zu lange offen stand, taugt noch für den Seifentopf, solange sie nicht stark ranzig riecht. Ranziges Öl gibt seinen Geruch an die Seife weiter und macht sie schneller fleckig, für solche Reste gibt es andere Wege der Verwertung und Entsorgung.

Seifenherstellung mit Schutzbrille, Handschuhen, Waage, Topf und Silikonform

Seife, Syndet und die Haut

Jede echte Seife ist alkalisch. Eine indische Messreihe von 2014 fand bei den meisten Seifen im Handel einen pH-Wert von 9 bis 10, gesunde Haut liegt bei etwa 5,4 bis 5,9. Daran ändert Olivenöl nichts. Syndets, also Waschstücke und Duschgele aus synthetischen Tensiden, lassen sich dagegen auf einen hautähnlichen pH einstellen. Bei Neurodermitis oder sehr trockener Haut raten Hautärzte deshalb oft zu Syndets oder ganz milden Reinigern.

Für die meisten Menschen ist der Unterschied klein. Die Haut stellt ihren Säureschutz nach dem Waschen wieder her. Olivenölseife hat den Ruf, besonders sanft zu sein, und tatsächlich bleibt bei Überfettung und Glycerin etwas Fett auf der Haut zurück. Eine Studie, die Olivenölseife direkt mit anderen Seifen vergleicht, ist mir allerdings nicht bekannt. Pures Olivenöl auf der Haut ist übrigens eine andere Sache als verseiftes, in Versuchen mit dem reinen Öl wurde die Hautbarriere eher schwächer.

Bei den Haaren zeigt sich der Unterschied deutlicher. Seife reagiert mit Kalk im Leitungswasser zu Kalkseife, die als grauer Film am Haar hängen bleibt. In Regionen mit weichem Wasser, etwa im Schwarzwald oder im Harz, funktioniert Seife als Shampoo meist problemlos. Bei hartem Wasser hilft eine saure Rinse mit einem Esslöffel Essig auf einen Liter Wasser. Wer stattdessen Olivenöl als Haarkur nimmt, braucht danach ohnehin ein Shampoo, um es wieder herauszubekommen.

Häufige Fragen

Ist Olivenölseife aus der Drogerie echte Olivenölseife?

Ein Blick auf die Zutatenliste klärt das. Steht Sodium Olivate an erster Stelle, ist Olivenöl die Hauptgrundlage. Ein Olivenzweig auf der Packung allein sagt wenig.

Was ist der Unterschied zwischen Kastilischer und Marseiller Seife?

Kastilische Seife besteht traditionell nur aus Olivenöl. Marseiller Seife enthält 72 Prozent Pflanzenöle, bei der grünen Variante Olivenöl, bei der weißen oft Kokos- und Palmöl.

Kann man mit Olivenölseife Haare waschen?

Ja, bei weichem Wasser klappt das gut. Bei hartem Wasser bleibt oft ein stumpfer Film, eine Spülung mit verdünntem Essig hilft.

Wie lange muss selbst gemachte Olivenölseife reifen?

Reine Olivenölseife mindestens zwei bis drei Monate, besser sechs Monate oder länger. Seifen mit Kokosöl sind nach vier bis sechs Wochen nutzbar.

Wie macht man flüssige Olivenölseife?

Mit Kaliumhydroxid statt Natriumhydroxid. Die entstehende Kaliseife wird als Paste gekocht und anschließend mit Wasser verdünnt.

Ist Olivenölseife gut für empfindliche Haut?

Sie ist frei von Duftstoffen, wenn nichts zugesetzt wurde, aber trotzdem alkalisch. Bei Neurodermitis ist ein Syndet mit hautähnlichem pH oft besser verträglich.

Quellen

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