Vorne auf der Flasche ein Landgut mit Zypressen und ein italienischer Familienname in Schreibschrift. Hinten, in winziger Schrift: "Mischung von Olivenölen aus der Europäischen Union". Beides stimmt. Italien füllt weit mehr Olivenöl ab, als seine eigenen Bäume hergeben, und was tatsächlich in der Flasche steckt, erfährt man nur auf der Rückseite.
Platz fünf, knapp hinter Griechenland
Für die Saison 2024/25 meldet der Internationale Olivenrat (IOC) rund 248.000 Tonnen italienisches Öl. Gut 7 Prozent der Weltproduktion, ein Viertel weniger als im Jahr davor. In der Rangliste sieht das für ein Land mit diesem Ruf unbequem aus: Spanien kam im selben Jahr auf 1,42 Millionen Tonnen, die Türkei auf 505.000, Tunesien auf 340.000 und Griechenland auf 250.000 Tonnen. Italien landete auf Platz fünf, obwohl es Anfang der 2000er Jahre noch klar die Nummer zwei war. Der Verband Assitol nennt als Gründe vor allem Trockenheit und Hitzewellen im Süden und den Befall durch das Bakterium Xylella in Apulien.
Ismea, das staatliche Agrarinstitut, rechnet für 2025/26 mit etwa 325.000 Tonnen. Plus 31 Prozent klingt gewaltig. An die guten Jahre der Nullerjahre reicht aber auch diese Menge nicht heran. Ein normales Jahr gibt es in Italien ohnehin kaum noch. Mal fehlt der Regen im Frühjahr, mal fällt die Hitze genau in die Blüte, und manchmal trägt ein Baum nach einem vollen Jahr einfach weniger, was Fachleute Alternanz nennen.
Geerntet wird vor allem im Süden. Apulien liefert je nach Jahr 40 bis 50 Prozent der italienischen Menge, eine Auswertung von Mediobanca kommt auf 45,1 Prozent. Dahinter folgen Kalabrien und Sizilien. Toskana und Ligurien, die im Ausland für italienisches Olivenöl stehen, sind mengenmäßig Randfiguren.

Woher die Fässer kommen
Italien verbraucht und exportiert mehr Olivenöl, als es erntet. Den Rest liefern andere Länder. Nach Handelsdaten für 2023 stammten dem Wert nach etwa 44 Prozent der italienischen Einfuhren aus Spanien, 34 Prozent aus Griechenland und knapp 11 Prozent aus Tunesien. Umgekehrt ist Italien für Tunesien der wichtigste Kunde. 26,8 Prozent der tunesischen Ausfuhren gingen 2024/25 dorthin, 85 Prozent davon als Fassware übers Meer. Coldiretti, der Bauernverband, schätzt die Einfuhren für 2025 auf mehr als 500.000 Tonnen. Als Lobby der Erzeuger hat Coldiretti ein Interesse an eindrucksvollen Importzahlen, die Richtung zeigen aber auch die Handelsdaten.
Aus diesen Fässern machen große Abfüller ihre Markenöle: Mischungen, die jedes Jahr gleich schmecken sollen, ganz gleich, wie die Ernte in Spanien oder Griechenland ausgefallen ist. Verboten ist das nicht, und schlechter muss es auch nicht sein. Es muss nur auf dem Etikett stehen. Die Durchführungsverordnung (EU) Nr. 29/2012 verlangt dann eine Angabe wie "Mischung von Olivenölen aus der Europäischen Union" oder "aus der EU und aus Drittländern". Italien oder "100 % italiano" als Ursprung ist nur erlaubt, wenn die Oliven in Italien gewachsen und dort auch gemahlen worden sind.
Diese Zeile zu finden, ist kein Hexenwerk, sobald man weiß, wie ein Olivenöl-Etikett aufgebaut ist. Ganz sauber geht es in der Branche trotzdem nicht zu. Falsche Herkunftsangaben kommen immer wieder vor und gehören, neben gestrecktem oder umetikettiertem Öl, zur unschönen Seite des Geschäfts, über die man beim Thema Betrug mit Olivenöl stolpert.
Rund 500 Sorten, und kaum jemand kennt sie alle
Bei der Zahl der Sorten macht Italien niemand etwas vor. Die Sammlung des staatlichen Forschungszentrums für Olivenanbau, früher CRA-OLI und heute Teil von CREA, umfasst rund 500 italienische Sorten. Nach Schätzung der Forscher sind damit etwa 85 Prozent des Bestands erfasst. Andere Arbeiten sprechen von 600 bis 800 Sorten, wobei viele Namen nur lokale Bezeichnungen für dieselbe Pflanze sind. Als man die Sammlung genetisch untersuchte, blieben 439 unterscheidbare Profile übrig.
Im Laden begegnet man davon einer Handvoll. Bitter, scharf und meist reich an Polyphenolen ist die Coratina aus Apulien. In der Toskana und in Umbrien bestimmen Frantoio, Leccino und Moraiolo den Geschmack. Ligurien hat die Taggiasca, Westsizilien Nocellara del Belice und Biancolilla, Kalabrien Carolea und Ottobratica. Reinsortige Öle sind in Italien eher selten. Die meisten Erzeuger mischen zwei oder drei Sorten zu einer Cuvée.
Vier Regionen, die auf Etiketten auftauchen
Nach diesen vier wird am häufigsten gefragt. Beim Stil handelt es sich um Tendenzen, denn Erntezeitpunkt und Mühle können ein Öl aus derselben Gegend deutlich verschieben.
| Region | Hauptsorten | Bekannte g.U. | Typischer Stil |
|---|---|---|---|
| Apulien | Coratina, Ogliarola, Cima di Mola, Cellina di Nardò | Terra di Bari DOP, Collina di Brindisi DOP | kräftig, grün, bitter und scharf |
| Toskana | Frantoio, Leccino, Moraiolo, Pendolino | Toscano IGP, Chianti Classico DOP | grasig, Artischocke, deutlich pfeffrig |
| Sizilien | Nocellara del Belice, Biancolilla, Cerasuola, Tonda Iblea | Val di Mazara DOP, Monti Iblei DOP, Sicilia IGP | Tomatenblatt, grüne Mandel, mittel bis kräftig |
| Ligurien | Taggiasca, Lavagnina, Razzola, Pignola | Riviera Ligure DOP | mild, süßlich, Pinienkern, wenig Schärfe |
Terra di Bari
In Apulien stehen rund 60 Millionen Olivenbäume. Von hier kommt auch die wertmäßig wichtigste geschützte Bezeichnung des Landes, Terra di Bari DOP, eingetragen 1996 mit der Verordnung (EG) Nr. 1263/96. Auf dem Etikett erscheint sie immer zusammen mit einer von drei Unterzonen. Für Castel del Monte müssen mindestens 80 Prozent der Oliven Coratina sein, für Bitonto mindestens 80 Prozent Cima di Bitonto und Coratina zusammen, für Murgia dei Trulli e delle Grotte mindestens 50 Prozent Cima di Mola. Bittere, scharfe Öle gibt es hier reichlich.
Ganz anders sieht es im Süden der Region aus. Im Salento hat Xylella einen großen Teil der alten Bäume getötet, nachgepflanzt werden resistente Sorten wie Leccino und FS-17. Wie das Bakterium sich ausbreitet und was der Klimawandel für den Olivenanbau zusätzlich bedeutet, ist eine eigene, ziemlich bedrückende Geschichte.
Toscano IGP
Die Toskana erntet wenig und prägt trotzdem das Bild, das man im Ausland von italienischem Olivenöl hat. Toscano IGP gibt es seit 1998 (Verordnung (EG) Nr. 644/98). Anbau, Pressung und Abfüllung müssen in der Region stattfinden, zusätzlich darf eine von acht Ortsangaben aufs Etikett, etwa Seggiano, Colline di Firenze, Colline Senesi oder Montalbano. Geerntet wird traditionell früh im Herbst, wenn die Oliven noch grün bis violett sind. Daher der Grasduft und die Schärfe, die erst im Hals so richtig ankommt. Ein Risiko bleibt der Frost. Nach dem Frost im Winter 1985 mussten viele toskanische Bäume bis auf den Stumpf zurückgeschnitten werden.
Val di Mazara
Sizilien hat mehrere geschützte Herkünfte und seit 2016 zusätzlich die regionale Sicilia IGP. Val di Mazara DOP wurde 2001 eingetragen (Verordnung (EG) Nr. 138/2001) und umfasst die Provinz Palermo sowie 16 Gemeinden der Provinz Agrigent, darunter Sciacca und Menfi. Mindestens 90 Prozent der Oliven müssen Biancolilla, Nocellara del Belice oder Cerasuola sein. Typisch ist ein Duft nach Tomatenblatt und frischen Kräutern, die Schärfe bleibt meist moderat. Im Südosten der Insel wächst die Tonda Iblea, aus der unter dem Namen Monti Iblei DOP einige der auffälligsten Öle Italiens kommen.
Riviera Ligure
Ein schmaler Streifen zwischen Bergen und Meer, die Bäume auf Terrassen hinter Trockenmauern. Riviera Ligure DOP ist seit 1997 eingetragen (Verordnung (EG) Nr. 123/97) und hat drei Unterzonen. In der Riviera dei Fiori im Westen müssen mindestens 90 Prozent Taggiasca ins Öl, in der Riviera del Ponente Savonese mindestens 50 Prozent. In der Riviera di Levante zählen Lavagnina, Razzola, Pignola und Frantoio zusammen, sie müssen mindestens 55 Prozent ausmachen. Heraus kommt ein mildes, leicht süßliches Öl mit wenig Schärfe. Ich kenne kaum ein mildes Öl mit so viel Charakter. Es passt zu Fisch und natürlich zum Pesto, das hier zu Hause ist.

42 DOP, 8 IGP und erstaunlich wenig Öl
Kein anderes EU-Land hat so viele geschützte Herkunftsbezeichnungen für Olivenöl. Der Bericht von Ismea und Qualivita für 2022 zählt 42 DOP und 8 IGP. Zusammen erzeugten sie in jenem Jahr knapp 13.500 Tonnen, wenige Prozent der italienischen Gesamtmenge.
Nach Wert liegen Terra di Bari DOP mit 24 Millionen Euro, Toscano IGP mit 17 Millionen, Sicilia IGP mit 10 Millionen, Val di Mazara DOP mit 8,3 Millionen und Riviera Ligure DOP mit 4 Millionen vorn. Auf diese fünf entfallen drei Viertel des Werts aller geschützten italienischen Öle. Das rote DOP-Siegel und das blaue IGP-Siegel bedeuten, dass eine zugelassene Stelle Herkunft und Mindestanforderungen kontrolliert hat. Über den Geschmack sagen sie wenig. Und viele sehr gute Öle tragen gar kein Siegel, weil die Zertifizierung für kleine Höfe zu teuer ist oder ihre Sortenmischung nicht ins Lastenheft passt.

Rückseite, Erntejahr, Preis
Beim Einkauf lohnt es sich also, die Flasche zuerst umzudrehen. Steht als Ursprung nur eine EU-Mischung und vorn ein italienischer Abfüller, ist es ein Verschnitt, und der Preis sollte danach aussehen. Region, Sorte und Erntejahr auf dem Etikett sind meist das ehrlichere Angebot.
Und der Preis? Nach den Ernten 2023 bis 2025 kann ich mir echtes italienisches nativ extra unter etwa 10 bis 12 Euro je Liter kaum vorstellen, denn die Erzeugerpreise in Italien lagen zuletzt über denen in Spanien, Griechenland und Tunesien. Die Schwelle beruht auf eigener Rechnung, einen amtlichen Wert dafür gibt es nicht. Spanien erntet fünf- bis sechsmal so viel und kommt auf andere Preise, warum, zeigt ein Blick auf Jaén und das übrige Andalusien.
Häufige Fragen
Ist Italien der größte Olivenölproduzent?
Nein. Spanien erntet in den meisten Jahren fünf- bis sechsmal so viel. 2024/25 lagen laut IOC auch die Türkei, Tunesien und knapp Griechenland vor Italien.
Was bedeutet "abgefüllt in Italien"?
Nur, wo das Öl in die Flasche kam. Woher die Oliven stammen, verrät die eigene Ursprungsangabe, zum Beispiel "Mischung von Olivenölen aus der Europäischen Union".
Woran erkenne ich Öl aus italienischen Oliven?
An der Ursprungsangabe Italien oder "100 % italiano". Sie ist nur erlaubt, wenn die Oliven in Italien geerntet und dort gemahlen wurden. Ein DOP- oder IGP-Siegel bestätigt zusätzlich eine bestimmte Region.
Welche italienische Region hat die schärfsten Öle?
Tendenziell Apulien mit Coratina und die Toskana mit früh geernteten Frantoio- und Moraiolo-Ölen. Aus Ligurien kommen eher milde Öle.
Wie viele geschützte Olivenöle hat Italien?
Laut dem Ismea-Qualivita-Bericht für 2022 sind es 42 DOP und 8 IGP, zusammen 50 Bezeichnungen.
Quellen
- IOC: Olive sector statistics December 2025 and forecasts
- Olive Oil Times: Italian producers wrap up a modest season
- Il Sole 24 Ore: Ismea, Italian olive oil 2025/26 rebound to 325,000 tonnes
- QuiFinanza: Il Sud traina la produzione di olio extravergine (Mediobanca)
- Olive Oil Times: Rise in production of Italian PDO and PGI oils (Ismea-Qualivita 2022)
- AGI: Tunisia, Italia primo importatore di olio d'oliva
- TrendEconomy: Italy imports HS 1509 by country
- Muzzalupo et al.: Italian olive germplasm (IntechOpen)
- Wikipedia (it): Terra di Bari (olio di oliva)
- Wikipedia (it): Toscano (olio di oliva)
- Wikipedia (it): Val di Mazara (olio di oliva)
- Wikipedia (it): Riviera Ligure (olio di oliva)
- Durchführungsverordnung (EU) Nr. 29/2012 über die Vermarktungsnormen für Olivenöl

