In der Lutherbibel trägt die Taube gar keinen Zweig. Als sie am Abend zu Noah in die Arche zurückkehrt, hat sie "ein frisches Ölblatt" im Schnabel, so steht es in 1. Mose 8,11. Aus dem Blatt machte erst die lateinische Bibel des Hieronymus einen Zweig, und aus diesem Zweig wurde über viele Jahrhunderte eines der ältesten Friedenszeichen, die wir kennen.
Die kurze Antwort auf die Frage nach der Bedeutung: Ein Ölzweig steht für Frieden und Versöhnung, in der Antike auch für Sieg, Ehre und die Bitte um Schutz. Zwei Wurzeln laufen dabei zusammen, die griechisch-römische und die biblische. Wann welche Rolle spielte, lässt sich recht genau verfolgen.
Ein Blatt, das das Ende der Flut anzeigt
Die Geschichte ist schnell erzählt. Noah lässt eine Taube fliegen, sie findet keinen Platz zum Landen und kommt zurück. Sieben Tage später versucht er es noch einmal. Diesmal bringt sie das Ölblatt mit, und Noah weiß, dass das Wasser gesunken ist und irgendwo wieder Bäume grünen. Nach weiteren sieben Tagen fliegt die Taube los und bleibt fort.
Im hebräischen Text ist von einem Blatt die Rede. Hieronymus übersetzte die Stelle im 4. Jahrhundert in der Vulgata mit einem Olivenzweig, und so ging das Bild in die Kunst des lateinischen Westens ein. Schon vorher hatten Christen die Taube mit dem Zweig als Zeichen benutzt. In der Priscilla-Katakombe in Rom, deren Malereien zwischen dem 2. und 5. Jahrhundert entstanden, taucht das Motiv auf Grabplatten und Wänden auf. Tertullian verband um 200 die Taube Noahs mit dem Heiligen Geist, Augustinus las den Ölzweig im 5. Jahrhundert als Zeichen eines dauerhaften Friedens.
Gemeint war damit zunächst der Frieden zwischen Gott und den Menschen nach der Strafe der Flut. Der politische Frieden zwischen Staaten kam erst später dazu.

Bittsteller, Göttinnen und Münzen
In Griechenland hatte der Zweig des Ölbaums längst eine eigene Bedeutung. Wer als Schutzsuchender an einen Altar oder vor einen Mächtigen trat, trug eine Hiketeria, einen mit Wolle umwickelten Ölzweig. Er zeigte an, dass der Träger in friedlicher Absicht kam und um Schonung bat. Dazu passt, dass der Ölbaum Athene geweiht war und dass die Sieger in Olympia einen Kranz aus den Zweigen eines heiligen wilden Ölbaums bekamen. Wie dieser Kranz geschnitten wurde und was es mit dem Streit zwischen Athene und Poseidon auf sich hat, erzählt der Beitrag zu Olivenkranz, Athene und den Spielen von Olympia.
Oft liest man, der Ölzweig sei seit dem 5. Jahrhundert vor Christus das Attribut der griechischen Friedensgöttin Eirene gewesen. Ganz so einfach ist es nicht. Die berühmteste Darstellung, die Bronzegruppe des Bildhauers Kephisodot aus der Zeit um 370 vor Christus, zeigt Eirene mit dem kleinen Plutos, dem Gott des Reichtums, auf dem Arm. In der verlorenen rechten Hand hielt sie nach heutiger Deutung ein Zepter. Eine römische Marmorkopie steht in der Münchner Glyptothek. Die Botschaft der Gruppe ist trotzdem deutlich: Aus Frieden wächst Wohlstand.
Fest verbunden mit dem Ölzweig ist erst die römische Pax. Auf einer Münze Vespasians, die 70 oder 71 nach Christus in Alexandria geprägt wurde, hält sie den Zweig in der rechten Hand. Vergil verknüpfte den Ölbaum in der Aeneis ausdrücklich mit dem Frieden, und auf späteren Kaisermünzen trägt sogar der Kriegsgott Mars als Mars Pacifer, der Friedensbringer, einen Ölzweig. Ein Kaiser, der Frieden auf seine Münzen prägen ließ, meinte damit allerdings meist einen gewonnenen Krieg.
Warum gerade der Ölbaum
Für die Wahl dieses Baums gibt es eine naheliegende Erklärung, auch wenn sie keine antike Quelle so ausspricht. Ein Olivenhain braucht Jahre, bis er nennenswert trägt, und Jahrzehnte, bis er richtig ertragreich ist. Ein Heer, das die Bäume des Gegners fällte oder verbrannte, traf ihn für eine ganze Generation. Umgekehrt setzt das Pflanzen von Ölbäumen voraus, dass man mit ruhigen Jahren rechnet. Wie früh Menschen diese Geduld aufbrachten, zeigt die Domestizierung des wilden Ölbaums vor rund 7.000 Jahren.
Dazu kommt das Öl selbst. Es war Nahrung, Lampenbrennstoff, Salbe und Opfergabe, eine Grundlage des Alltags rund ums Mittelmeer. Ein Zweig dieses Baums stand für alles, was man in Friedenszeiten zu verlieren hatte.
Flaggen, Wappen und ein Siegel mit 13 Oliven
In der Neuzeit wanderte der Zweig in die Staatssymbolik. Im Juli 1775 schickte der Kontinentalkongress die sogenannte Olive Branch Petition an König Georg III., einen letzten Versöhnungsversuch vor dem Unabhängigkeitskrieg. Im Großen Siegel der Vereinigten Staaten hält der Adler seit 1780 in der einen Kralle Pfeile, in der anderen einen Ölzweig mit 13 Blättern und 13 Oliven, einer für jede der Gründungskolonien.
| Symbol | seit | Ölzweig im Bild |
|---|---|---|
| Großes Siegel der USA | 1780 (Zweig ergänzt) | Adler mit Ölzweig, 13 Blätter und 13 Oliven |
| Emblem der Vereinten Nationen | 7. Dezember 1946 | Weltkarte, umrahmt von zwei Ölzweigen |
| Flagge der Vereinten Nationen | 20. Oktober 1947 | weißes Emblem auf Hellblau |
| Wappen Israels | 1949 | Menora zwischen zwei Ölzweigen |
| Flagge Zyperns | 16. August 1960 | kupferfarbene Insel über zwei grünen Ölzweigen |
| Flagge Eritreas | 1995 | goldener Kranz aus Ölzweigen mit einem aufrechten Zweig |
Das UN-Emblem geht auf einen Entwurf von Donal McLaughlin zurück, ein Team um Oliver Lundquist arbeitete ihn aus. Die Karte zeigt die Erde vom Nordpol aus gesehen, die beiden Zweige stehen nach Angabe der Vereinten Nationen für den Frieden. Bei Zypern ist die Botschaft noch genauer gemeint. Der türkisch-zyprische Künstler İsmet Güney gestaltete die Flagge zur Unabhängigkeit 1960 bewusst mit neutralen Zeichen. Die Ölzweige sollten den Frieden zwischen griechischen und türkischen Zyprern ausdrücken, und das Weiß des Tuchs ebenso. Die Insel ist seit 1974 geteilt.
Zwei Szenen aus dem 20. Jahrhundert zeigen, wie stark das Zeichen inzwischen war. Neil Armstrong und Buzz Aldrin ließen 1969 einen kleinen goldenen Ölzweig auf dem Mond zurück. Und Jassir Arafat sprach 1974 vor der UN-Vollversammlung davon, mit einem Ölzweig in der einen und dem Gewehr des Freiheitskämpfers in der anderen Hand gekommen zu sein, und bat, den Zweig nicht fallen zu lassen.

Picassos Taube hatte keinen Zweig
Eine Überraschung hält die bekannteste Friedenstaube des 20. Jahrhunderts bereit. Pablo Picasso zeichnete am 9. Januar 1949 in der Pariser Druckwerkstatt von Fernand Mourlot eine Taube, weiß auf schwarzem Grund, sehr naturnah, mit gesträubtem Gefieder. Louis Aragon wählte das Blatt "La Colombe" für das Plakat des Weltfriedenskongresses im April 1949 in Paris. Einen Ölzweig trägt diese Taube nicht. Picassos Tochter, im selben Frühjahr geboren, bekam den Namen Paloma, spanisch für Taube.
Erst spätere Fassungen, etwa eine Taube von 1961, halten einen Zweig im Schnabel. Im Gedächtnis vieler Menschen sind beide Bilder längst verschmolzen: die Taube aus dem Plakat und der Zweig aus der Arche.
Den Ölzweig reichen
Im Deutschen ist der Ölzweig vor allem ein Wort für Gesten. Das Wörterbuch DWDS führt ihn als Sinnbild des Friedens und nennt als typische Begleiter Taube, Schnabel, Kranz und das Verb überreichen. Jemandem den Ölzweig zu reichen heißt, nach einem Streit Versöhnung anzubieten. Das Englische kennt dieselbe Wendung als "to extend an olive branch", sie ist dort deutlich häufiger als bei uns.
Als Name hat sich das Wort ebenfalls gehalten. In Bremen versammelt sich seit dem späten 18. Jahrhundert die Freimaurerloge "Zum Oelzweig", heute in einem Haus an der Kurfürstenallee in Schwachhausen. Liedblätter in der Bremer Staats- und Universitätsbibliothek belegen eine 29. Stiftungsfeier im Jahr 1817, was auf eine Gründung um 1788 hindeutet. Dazu kommen Vereine, Hospize und Beratungsstellen, die sich nach dem Zweig benannt haben.
Olivenzweige als Tattoo und als Deko
Auf der Haut steht der Olivenzweig meist für dasselbe wie auf der Flagge: Frieden, oft persönlicher gemeint, etwa als Zeichen für eine Versöhnung oder einen überstandenen Konflikt. Manche verbinden ihn mit Griechenland oder Italien, mit Herkunft und Familie, andere mit der Taube aus der Bibel. Eine feste Deutung gibt es nicht. Beliebt sind feine Linien, ein einzelner Zweig am Unterarm oder ein Kranz, der sich ums Handgelenk legt, oft mit wenigen schwarzen Oliven als Akzent. Für Zeichnungen und Tattoovorlagen lohnt ein Blick auf echte Zweige. Die Blätter stehen paarweise gegenüber, sind schmal und lanzettlich, oben graugrün und unten silbrig.
In der Vase halten frische Olivenzweige erstaunlich lange, weil die ledrigen Blätter wenig Wasser verdunsten. Wer einen eigenen Kübelbaum hat, bekommt beim Rückschnitt im Frühjahr genug Material für einen Kranz oder eine Tischdeko. Zum Trocknen bindet man kleine Bündel und hängt sie kopfüber an einen dunklen, luftigen Ort. Die Blätter werden dabei spröde, behalten aber ihre silbrige Unterseite. Geschmeidig bleiben Zweige, die man einige Tage in eine Mischung aus warmem Wasser und Glycerin stellt. Floristen nennen meist etwa zwei Teile Wasser auf einen Teil Glycerin, für Olivenzweige habe ich dazu keine eigene Anleitung gefunden, ein Versuch an einem einzelnen Zweig ist sinnvoll. Künstliche Olivenzweige aus Kunststoff oder Stoff sehen inzwischen oft täuschend echt aus und stauben nur ein.

Die biblische Spur führt übrigens weiter als bis zur Arche. Öl salbte Könige und Priester, brannte im Leuchter des Tempels und gab dem Ölberg in Jerusalem seinen Namen, wo heute Bäume stehen, deren Stämme per Radiokarbon ins 12. Jahrhundert datiert wurden. Diese Linie verfolgt der Text über Olive und Olivenöl in Judentum, Christentum und Islam. Wie aus Salböl und Lampenöl ein Handelsgut für ganze Weltreiche wurde, zeigt die Geschichte des Olivenöls von den ersten Funden in Galiläa bis heute.
Häufige Fragen
Was bedeutet ein Ölzweig in der Bibel?
In 1. Mose 8,11 bringt die Taube Noah ein frisches Ölblatt. Es zeigt, dass die Flut vorbei ist und die Erde wieder grünt. Christen lasen das später als Zeichen des Friedens zwischen Gott und den Menschen.
Ist es ein Ölblatt oder ein Ölzweig?
Im hebräischen Text und bei Luther ein Blatt. Die lateinische Vulgata machte daraus einen Zweig, und so hat sich das Bild in Kunst und Sprache durchgesetzt.
Was hat der Ölzweig mit Olympia zu tun?
Die Sieger der antiken Spiele in Olympia erhielten einen Kranz aus Zweigen eines heiligen wilden Ölbaums, den Kotinos. Mit dem Friedenssymbol hängt das nur lose zusammen, im Vordergrund standen Ehre und Sieg.
Warum sind Ölzweige auf der UN-Flagge?
Sie stehen für den Frieden. Das Emblem mit der Weltkarte zwischen zwei Ölzweigen wurde am 7. Dezember 1946 angenommen, die Flagge am 20. Oktober 1947.
Quellen
- Lutherbibel 2017, 1. Mose 8 (bibleserver.com)
- Wikipedia: Olive branch
- Theoi Project: Eirene und Plutos, römische Kopie nach Kephisodot, Glyptothek München
- Wikipedia: Flag of the United Nations
- Wikipedia: Flag of Cyprus
- Sonntagsblatt: Picassos Friedenstaube
- Wikipedia: Dove (Picasso)
- DWDS: Ölzweig
- SuUB Bremen: Liedblatt zur 29. Stiftungsfeier der Loge zum Oelzweig (1817)
- BC Living: Preserve decorative plants with glycerine solution
- Al Arabiya (2012): Olive trees of Jerusalem's Gethsemane among oldest in world (Studie des CNR)

