Im August 2004 standen die Olympiasieger von Athen auf dem Podest, eine Goldmedaille um den Hals und einen grünen Kranz auf dem Kopf. Die Zweige dafür kamen nach einem Bericht über die Spiele größtenteils von Kreta, aus ihnen wurden 5.513 Kränze gebunden. Die Organisatoren griffen damit auf den ältesten Siegerpreis des Sports zurück. In Olympia gab es vor zweieinhalbtausend Jahren keine Medaille, nur diesen Kranz aus Ölbaumzweigen.
Eine goldene Schere am Zeustempel
Der Kranz hieß Kotinos, und er war aus wildem Ölbaum, dem Oleaster, nicht aus einem veredelten Fruchtbaum. Die Zweige kamen von einem bestimmten Baum, der beim Zeustempel in Olympia wuchs und den Beinamen Kallistephanos trug, der mit dem schönsten Kranz. Geschnitten wurden sie von einem Jungen, dessen Eltern beide noch lebten, mit einer goldenen Schere. Er legte sie auf einen Tisch aus Gold und Elfenbein im Heratempel, und die Kampfrichter, die Hellanodiken, banden daraus die Kränze und setzten sie den Siegern auf.
Woher der Brauch kam, erklärten sich die Griechen mit einem Mythos. Pausanias, der im 2. Jahrhundert nach Christus durch Griechenland reiste und alles aufschrieb, was man ihm erzählte, berichtet, Herakles habe den Kranz zu Ehren seines Vaters Zeus eingeführt. Belastbarer als der Mythos ist der Spott. Aristophanes lässt in seiner Komödie Plutos eine Figur bemerken, Zeus müsse wohl arm sein, wenn er seine Sieger mit wildem Ölbaum statt mit Gold bekränze.
Herodot hat dazu eine Anekdote aus dem Jahr 480 vor Christus. Nach der Schlacht an den Thermopylen wunderte sich Xerxes, warum so wenige Griechen den Pass verteidigt hatten. Man sagte ihm, die anderen seien bei den Olympischen Spielen, und dort kämpfe man um einen Kranz. Einer seiner Feldherren soll darauf geantwortet haben, gegen was für Männer man sich hier eingelassen habe, die nicht um Geld, sondern um Ehre wetteifern.
Ganz so idealistisch war die Sache allerdings nicht. Zu Hause wartete auf einen Olympiasieger einiges mehr als Zweige. Athen soll nach einem Gesetz Solons jedem seiner Bürger, der in Olympia gewann, 500 Drachmen gezahlt haben, für einen Sieg bei den Isthmischen Spielen 100. Plutarch und Diogenes Laertius erzählen das, beide schrieben Jahrhunderte später, die Zahl ist also eher Überlieferung als Beleg. Dazu kamen Ehrenplätze im Theater, Mahlzeiten im Prytaneion, dem Amtssitz am Markt, Statuen und Siegeslieder, wie sie Pindar für reiche Auftraggeber dichtete. Der Kranz war der Preis, die Belohnung kam danach.

Vier Spiele, vier Kränze
Olympia war nicht das einzige große Fest. Vier Spiele standen allen Griechen offen, und jedes hatte seine eigene Pflanze. Oft wird der Olivenkranz mit dem Lorbeerkranz verwechselt, den man heute als Siegerkranz kennt. Lorbeer gehörte nach Delphi.
| Spiele | Ort | Gott | Rhythmus | Kranz |
|---|---|---|---|---|
| Olympische Spiele | Olympia | Zeus | alle vier Jahre | wilder Ölbaum |
| Pythische Spiele | Delphi | Apollon | alle vier Jahre | Lorbeer |
| Nemeische Spiele | Nemea | Zeus | alle zwei Jahre | wilder Sellerie |
| Isthmische Spiele | Isthmia bei Korinth | Poseidon | alle zwei Jahre | Kiefer, später trockener Sellerie |
Als Gründungsjahr der Olympischen Spiele gilt traditionell 776 vor Christus. Viele Historiker halten das für zu früh und denken eher an das späte 7. Jahrhundert. Die anderen drei Feste kamen im 6. Jahrhundert dazu.
Athene schenkt den Ölbaum
Dass ausgerechnet Athen den Ölbaum so verehrte, erzählt ein anderer Mythos. Athene und Poseidon stritten um die Stadt. Poseidon schlug mit dem Dreizack auf den Felsen der Akropolis und ließ eine Quelle entspringen, deren Wasser allerdings salzig war. Athene ließ daneben einen Ölbaum wachsen. Die Bürger, oder in anderen Fassungen die Götter als Schiedsrichter, entschieden sich für den Baum, und die Stadt bekam den Namen der Göttin.
Diesen Baum zeigte man in Athen tatsächlich, im Heiligtum des Erechtheus auf der Akropolis, zusammen mit einer Salzwasserlache als Spur von Poseidons Dreizack. Herodot berichtet, die Perser hätten ihn 480 vor Christus mit dem ganzen Heiligtum verbrannt. Als die Athener am nächsten Tag zum Opfern hinaufstiegen, habe aus dem Stumpf schon ein Trieb von einer Elle Länge gesprossen. Für Ölbäume ist ein Neuaustrieb aus dem Stock nichts Ungewöhnliches, über Nacht wächst er allerdings nicht ganz so schnell.
Wer heute die Akropolis besucht, findet vor dem Erechtheion wieder einen Ölbaum. Er wurde 1952 gepflanzt, aus einem Steckling, den Mitarbeiter der Amerikanischen Archäologischen Schule im Zweiten Weltkrieg von dem damaligen, schwer beschädigten Baum genommen hatten. Ob dieser selbst noch in einer Linie mit dem antiken Baum stand, weiß niemand. Wie alt Ölbäume werden können und wie unsicher solche Altersangaben sind, beschreibt der Beitrag über die ältesten Olivenbäume der Welt.
Bis zu 140 Amphoren Öl
Bei den Panathenäen, dem großen Fest für Athene, gab es keinen Kranz als Hauptpreis, sondern das Öl selbst. Es stammte aus einem heiligen Hain der Göttin bei der Akademie und wurde in eigens bemalten Amphoren vergeben. Auf der einen Seite zeigt jede dieser Panathenäischen Preisamphoren Athene mit Schild und Lanze zwischen zwei Säulen, daneben die Inschrift "einer der Preise aus Athen". Die Rückseite zeigt die Disziplin, für die der Sieger sie erhielt, etwa Läufer, Ringer oder ein Gespann.
Eine Amphore fasste ein Metretes, nach Angabe der Harvard Art Museums im Durchschnitt etwa 39 Liter. Nach etwa 350 vor Christus wurden alle vier Jahre bei den Großen Panathenäen mindestens 1.450 solcher Gefäße vergeben. Für einzelne Disziplinen kam einiges zusammen, der Sieger im Wagenrennen soll 140 Amphoren erhalten haben. Bei einer Inschrift auf einer Boxer-Amphore von 340/339 vor Christus ist von 60 Amphoren die Rede. Grob gerechnet sind 140 Amphoren mehr als 5.000 Liter Olivenöl, eine Menge, die ein Sieger weder selbst verbrauchen konnte noch sollte. Er verkaufte sie, und so wanderten viele der Gefäße bis nach Etrurien, wo Archäologen sie in Gräbern fanden. Die Geschichte des Olivenöls zeigt, wie eng Öl und Wohlstand in Athen zusammenhingen.

Öl auf der Haut, Schaber in der Hand
Olivenöl war im antiken Sport mehr als ein Preis. Vor dem Training und vor dem Wettkampf rieben sich die Athleten mit Öl ein. Danach schabten sie Öl, Schweiß und Staub mit einer Strigilis ab, einem gebogenen Schaber aus Bronze mit einer Rinne in der Klinge. Seife kannte man noch nicht, das Öl war Hautpflege und Reinigung in einem. Museumsschilder vermuten außerdem, dass das Öl kleine Hautabschürfungen bei Ringkämpfen milderte und Staub von den Poren fernhielt. Strigiles gehören zu den häufigsten Fundstücken aus antiken Gräbern und Bädern, ein Schaber aus dem Toledo Museum of Art stammt etwa aus Süditalien, aus der Zeit zwischen 400 und 300 vor Christus.
Selbst das Abgeschabte wurde verwertet. Die Mischung hieß auf Griechisch Gloios, und der Arzt Galen führt sie unter den einfachen Heilmitteln auf. Ältere Nachschlagewerke berichten, sie sei verkauft worden, als Mittel gegen Schmerzen und Verstauchungen. Wie verbreitet dieser Handel wirklich war, lässt sich aus den Quellen kaum sagen.
Kränze, Medaillen und Testsieger
Seit 1896 gibt es bei den modernen Olympischen Spielen Medaillen. Der Olivenkranz tauchte trotzdem immer wieder auf, schon 1896 auf Urkunden und Drucksachen der ersten Spiele in Athen, später auf Plakaten und Münzen und 2004 eben wieder auf den Köpfen. Das Emblem dieser Spiele zeigte selbst einen Kotinos.
Für das Olivenöl selbst hat sich die Logik umgedreht. Statt Öl als Preis gibt es heute Preise für Öl. Internationale Wettbewerbe vergeben Gold- und Silbermedaillen, Stiftung Warentest und Öko-Test küren Testsieger, und viele Flaschen tragen anschließend einen Aufkleber mit Kranz. Was hinter diesen Auszeichnungen steckt, wie die Prüfer vorgehen und warum ein Testsieger von 2024 im nächsten Jahr eine andere Ernte im Regal hat, erklärt der Beitrag über Olivenöl-Tests von Stiftung Warentest, Öko-Test und Wettbewerben.
Einen Olivenkranz selbst zu binden ist übrigens einfacher, als es aussieht. Ein Ring aus Draht oder biegsamen Weidenruten, darauf kurze Zweigstücke mit Wickeldraht befestigt, immer in dieselbe Richtung und leicht überlappend. Frische Zweige halten dabei gut eine Woche, getrocknet bleiben sie grau-grün und werden brüchig. Wie der Ölzweig vom Siegerpreis zum Zeichen für Frieden wurde, ist eine eigene Geschichte, die von Noahs Taube bis zur UN-Flagge reicht.
Häufige Fragen
Was bekamen die Sieger der antiken Olympischen Spiele?
In Olympia selbst nur einen Kranz aus Zweigen des heiligen wilden Ölbaums beim Zeustempel. Geld, Ehrenplätze und Statuen gab es danach in der Heimatstadt.
War der Siegerkranz aus Lorbeer oder Oliven?
In Olympia aus wildem Ölbaum. Lorbeer gab es bei den Pythischen Spielen in Delphi, in Nemea wilden Sellerie, bei den Isthmischen Spielen Kiefer.
Wie viel Öl gab es bei den Panathenäen?
Eine Preisamphore fasste etwa 39 Liter. Je nach Disziplin gab es Dutzende Amphoren, für das Wagenrennen bis zu 140.
Quellen
- Wikipedia: Olive wreath (Kotinos)
- Marathon Handbook: Wreathed in glory (Kränze von Athen 2004)
- Wikipedia: Panhellenic Games
- Herodot, Historien 8,55 (englische Übersetzung, Perseus)
- Atlas Obscura: Olive Tree of the Acropolis
- Lonely Planet: Erechtheion
- Wikipedia: Panathenaic amphora
- Wikipedia: Panathenaic Games
- Harvard Art Museums: Panathenaic prize amphora
- Metropolitan Museum of Art: Terracotta Panathenaic prize amphora
- Toledo Museum of Art: Strigil (athlete's scraper)
- Smith, Dictionary of Greek and Roman Antiquities: Aliptae (LacusCurtius)
- Ancient World Magazine: Competing for olive oil, the Panathenaic amphora (Fund aus Vulci 1829)
- Diogenes Laertius, Leben des Solon (englische Übersetzung, LacusCurtius)

