Was Olivenblattextrakt in Studien bewirkt hat

Getrocknete Olivenblätter in einer Schale neben grünen Kapseln und Blutdruckmessgerät

Auf vielen Verkaufsseiten steht sinngemäß, Olivenblattextrakt wirke so gut wie ein Blutdruckmittel. Dahinter steckt fast immer dieselbe Studie aus Indonesien von 2011, in der ein Extrakt gegen das Medikament Captopril antrat. Ganz falsch ist der Satz nicht, aber er lässt das meiste weg. Was die Forschung zu Olivenblattextrakt tatsächlich zeigt, ist kleiner, unsicherer und interessanter als die Werbung.

Olivenblattextrakt wird aus getrockneten Blättern des Olivenbaums gewonnen und als Kapsel, Tablette oder flüssig verkauft. Der Hauptwirkstoff, um den sich die Studien drehen, ist Oleuropein. Dieser Bitterstoff steckt in Blättern und unreifen Früchten in großer Menge und zerfällt unter anderem zu Hydroxytyrosol, dem Polyphenol, das auch im Olivenöl eine Hauptrolle spielt.

Die Captopril-Studie

An der Studie von Erwin Susalit und Kollegen nahmen Menschen mit Bluthochdruck im ersten Stadium teil, der systolische Wert lag zu Beginn bei rund 149 mmHg. Eine Gruppe bekam zweimal täglich 500 mg eines standardisierten Olivenblattextrakts, die andere Captopril in niedriger Dosis, je nach Ansprechen erhöht. Nach acht Wochen war der obere Wert in der Extraktgruppe um 11,5 mmHg gesunken, in der Captopril-Gruppe um 13,7. Der Unterschied zwischen beiden war statistisch nicht bedeutsam, die Triglyceride sanken nur in der Extraktgruppe.

Daraus ist der Satz mit dem Blutdruckmittel geworden. Was fehlt: Eine Placebogruppe gab es nicht. Ein Teil der Senkung kann also auch daher kommen, dass Menschen in Studien häufiger messen, sich anders ernähren oder einfach bei der zweiten Messung ruhiger sind. Dazu kommt, dass die Studie mit einem einzigen, standardisierten Extrakt arbeitete. Ob andere Extrakte ähnlich wirken, zeigt sie nicht. Das macht sie nicht wertlos, aber eine Bestätigung durch unabhängige, placebokontrollierte Studien wäre nötig, bevor man von einer Gleichwertigkeit sprechen könnte.

Getrocknete Olivenblätter in einer Schale neben grünen Kapseln und Blutdruckmessgerät

Wie viel vom Blutdruck übrig bleibt

Inzwischen gibt es mehrere Metaanalysen, die alle verfügbaren randomisierten Studien zusammenrechnen. Sie kommen zu ähnlichen, eher bescheidenen Ergebnissen.

  • Eine Gruppe um Elham Razmpoosh wertete 2022 zwölf Studien mit 819 Teilnehmenden aus. Im Mittel lag der obere Blutdruckwert mit Extrakt um 3,9 mmHg niedriger als in den Vergleichsgruppen. Bei Menschen mit Bluthochdruck waren es 4,8 mmHg oben und 2,5 mmHg unten.
  • Eine Auswertung von 2021 beschränkte sich auf fünf Studien mit 325 Menschen mit hohem oder grenzwertigem Blutdruck. Bei 500 mg am Tag über mindestens acht Wochen sank der obere Wert gegenüber Placebo um 5,8 mmHg, der untere nicht signifikant. Die Autoren schreiben selbst, dass die geringe Teilnehmerzahl keinen belastbaren Schluss erlaubt.
  • Eine Arbeit von 2025 aus Portugal und Brasilien fand nur drei Studien, die ihre Kriterien erfüllten, mit 248 Teilnehmenden. Die Qualität der Studien sei unterschiedlich, weitere Untersuchungen seien nötig, um Wirksamkeit und Sicherheit zu bestätigen.

Die sauberste Einzelstudie ist vermutlich die britische von Sarah Lockyer aus dem Jahr 2017. 60 Männer mit leicht erhöhtem Blutdruck nahmen sechs Wochen lang einen Extrakt mit 136 mg Oleuropein am Tag und sechs Wochen ein Placebo, in zufälliger Reihenfolge und doppelt verblindet. Mit Extrakt lag der Blutdruck über 24 Stunden gemessen im Mittel um 3,3 mmHg oben und 2,4 mmHg unten niedriger, Gesamtcholesterin, LDL und Triglyceride sanken ebenfalls leicht.

Zur Einordnung: Drei bis fünf mmHg sind messbar, aber deutlich weniger, als Medikamente oder eine Gewichtsabnahme bei Bluthochdruck üblicherweise bewirken. Wer Blutdruckmittel nimmt, sollte sie nicht durch Kapseln ersetzen, und das Thema gehört in die Hausarztpraxis. Wie Olivenöl selbst bei Blutdruck, Entzündung und Diabetes abschneidet, ist eine verwandte, aber andere Frage.

Blutzucker und Blutfette

In Neuseeland testete eine Gruppe um Martin de Bock 2013 Olivenblattpolyphenole an 46 übergewichtigen Männern mittleren Alters, randomisiert, placebokontrolliert und im Wechsel. Die Tagesdosis enthielt 51 mg Oleuropein und knapp 10 mg Hydroxytyrosol. Nach zwölf Wochen war die Insulinempfindlichkeit um 15 Prozent besser als unter Placebo, die Insulinausschüttung der Bauchspeicheldrüse um 28 Prozent. Blutdruck, Blutfette, Körperzusammensetzung und Leberwerte änderten sich dagegen nicht.

In der großen Metaanalyse von 2022 fanden sich beim Blutzucker insgesamt keine nennenswerten Veränderungen, die Qualität der Daten bewerteten die Autoren als niedrig bis sehr niedrig. Bei den Triglyceriden sank der Wert im Mittel um etwa 9,5 mg/dl. Mehr lässt sich aus der Studienlage derzeit nicht ablesen.

Erkältung, Leber, Darm und Psyche

Zur Erkältung gibt es eine kleine, aber randomisierte Studie aus Neuseeland. 32 Schülerinnen und Schüler aus Schulsportteams nahmen neun Wochen lang einen Extrakt mit 100 mg Oleuropein am Tag oder ein Placebo. Krank wurden in beiden Gruppen gleich viele. Wer den Extrakt nahm, war allerdings im Schnitt 28 Prozent weniger Tage krank. Das ist ein Hinweis, mehr nicht, und er stammt aus einer einzigen Studie.

Für Leber, Darm, Schilddrüse und Psyche, nach denen häufig gesucht wird, habe ich keine aussagekräftigen Studien am Menschen gefunden. In der Metaanalyse von 2022 und in der Studie aus Neuseeland blieben die Leberwerte unverändert. Was im Netz zu diesen Themen kursiert, stammt meist aus Zellversuchen, Tierstudien oder Erfahrungsberichten, und die sagen über die Wirkung beim Menschen wenig.

Wechselwirkungen und Nebenwirkungen

Das Memorial Sloan Kettering Cancer Center in New York führt eine eigene Monographie zum Olivenblatt. Darin steht, dass Extrakte nach Labor- und Tierdaten die Wirkung von Blutdrucksenkern und von blutzuckersenkenden Mitteln einschließlich Insulin verstärken könnten. Wie relevant das in der Praxis ist, sei nicht geklärt. Die Empfehlung lautet trotzdem, Olivenblattextrakt bei solchen Medikamenten nicht ohne ärztliche Rücksprache einzunehmen. Für Schwangerschaft und Stillzeit fehlen Sicherheitsdaten.

In den Zusammenfassungen der genannten Studien tauchen keine ernsten Nebenwirkungen auf, sie liefen allerdings nur sechs bis zwölf Wochen und mit wenigen Dutzend Teilnehmenden. Die Monographie erwähnt außerdem, dass die Pollen des Olivenbaums starke Atemwegsallergien auslösen können. Ob Blattextrakte für Menschen mit einer Olivenpollenallergie ein Problem sind, ist nicht untersucht. Bei Beschwerden wie Magendrücken, Schwindel oder sehr niedrigen Blutdruckwerten gilt: absetzen und ärztlich abklären lassen.

Warum auf der Packung keine Wirkung stehen darf

Für Olivenblattextrakt gibt es in der EU keine zugelassene gesundheitsbezogene Angabe. Die einzige zugelassene Aussage rund um die Olive betrifft das Öl. Olivenöl-Polyphenole tragen dazu bei, die Blutfette vor oxidativem Stress zu schützen, wenn täglich 20 g Olivenöl mit mindestens 5 mg Hydroxytyrosol und Derivaten aufgenommen werden (Verordnung (EU) Nr. 432/2012). Wie dieser Health Claim für Olivenöl-Polyphenole genau formuliert ist, lässt sich nicht auf Extrakte aus Blättern übertragen.

Angaben zu Pflanzenstoffen, den sogenannten Botanicals, hat die EU-Kommission bei der Liste von 2012 zurückgestellt, weil sie erst noch wissenschaftlich bewertet werden müssen. So steht es in Erwägungsgrund 10 der Verordnung 432/2012. Bis zu einer Entscheidung dürfen Hersteller solche Angaben nach einer Übergangsregel der Health-Claims-Verordnung 1924/2006 unter eigener Verantwortung verwenden, sofern sie mit dem übrigen Recht vereinbar sind. Deshalb liest man auf Packungen Sätze über Herz oder Abwehrkräfte, die von keiner Behörde geprüft wurden. Heilaussagen wie die Senkung von Bluthochdruck sind bei Lebensmitteln und damit auch bei Nahrungsergänzungsmitteln grundsätzlich verboten.

Lupe vor einer unbeschrifteten Kapseldose mit grünen Kapseln und Olivenblättern

Woran man ein Produkt erkennt

Für die Auswahl helfen ein paar nüchterne Kriterien, unabhängig davon, ob man in der Drogerie oder online kauft:

  1. Steht der Oleuropein-Gehalt in Milligramm je Tagesdosis auf der Packung? In den Studien lag er zwischen etwa 50 und 136 mg. Angaben wie 20 Prozent Oleuropein helfen nur, wenn man die Extraktmenge kennt.
  2. Ist das Herstellungsland und der Extraktionsweg angegeben, etwa Wasser- oder Ethanolextrakt?
  3. Gibt es ein aktuelles Prüfzertifikat eines unabhängigen Labors, auch zu Pestizidrückständen?
  4. Bei flüssigen Extrakten: Enthalten sie Alkohol, und wie viel?

Ein Tee aus Olivenblättern ist die alte, einfache Form. Wie viel Oleuropein in der Tasse landet, hängt von Blattmenge, Wassertemperatur und Ziehzeit ab, und mit den Studienkapseln lässt er sich nicht direkt vergleichen.

Häufige Fragen

Wie lange dauert es, bis Olivenblattextrakt wirkt?

Die Studien liefen sechs bis zwölf Wochen. Veränderungen am Blutdruck wurden frühestens nach einigen Wochen gemessen, über längere Zeiträume gibt es keine Daten.

Kann ich Olivenblattextrakt zusammen mit Blutdrucktabletten nehmen?

Nur nach Rücksprache mit der Ärztin oder dem Arzt. Labor- und Tierdaten deuten darauf hin, dass sich die Wirkungen addieren könnten.

Ist Olivenblattextrakt dasselbe wie Olivenöl?

Nein. Blätter enthalten sehr viel Oleuropein und kaum Fett, Olivenöl vor allem Fett mit kleineren Mengen Polyphenolen. Die Studien zum Olivenöl lassen sich nicht auf Blattextrakte übertragen und umgekehrt.

Hilft Olivenblattextrakt gegen Viren oder Pilze?

Dafür gibt es nur Laborbefunde. In der einzigen Studie zu Atemwegsinfekten wurden die Sportler nicht seltener krank, waren aber etwas kürzer krank.

Was taugen Erfahrungsberichte?

Sie zeigen, was Menschen erlebt haben, aber nicht, ob der Extrakt der Grund war. Gerade beim Blutdruck schwanken die Werte von Tag zu Tag, und eine Placebogruppe fehlt.

Quellen

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