Olivenpollenallergie und warum die Esche mit drinhängt

Blühender Olivenzweig mit cremeweißen Blütenrispen und gelbem Blütenstaub

Mitte Mai auf einer Finca bei Córdoba. Die Birken in Hamburg sind längst verblüht, der Heuschnupfen sollte Pause haben, und trotzdem tränen die Augen, sobald der Wind durch die Olivenhaine streicht. Hinter solchen Urlaubsgeschichten steckt meistens ein einziges Eiweiß aus dem Blütenstaub des Ölbaums. Es heißt Ole e 1, und viele Menschen in Deutschland kennen es, ohne es zu wissen, von der Esche.

Kurz vorweg, weil diese Frage am häufigsten gestellt wird: Eine Olivenpollenallergie betrifft die Atemwege und die Augen. Eine Allergie gegen Oliven als Lebensmittel gibt es auch, sie ist aber selten und hat meist andere Auslöser. Auf Olivenöl reagiert beim Essen kaum jemand.

Ole e 1 und seine Geschwister

Allergologen benennen Allergene nach dem lateinischen Pflanzennamen, bei der Olive also Olea europaea, daraus wird Ole e. Die Nummer dahinter zählt, in welcher Reihenfolge die Eiweiße beschrieben wurden. Ole e 1 ist das Hauptallergen. Je nach Region und Studie haben 55 bis 90 Prozent der Olivenpollenallergiker Antikörper vom Typ IgE gegen genau dieses Eiweiß, meist werden um die 80 Prozent genannt.

Wie verbreitet die übrigen Allergene sind, hat eine Klinik in Córdoba ausgezählt. Das Team um Manzanares wertete 2023 rückblickend die Befunde von 1.172 Patienten aus, die zwischen 2015 und 2018 mit Verdacht auf Gräser- oder Olivenpollenallergie kamen. Unter den gegen Olive sensibilisierten Patienten hatten 84 Prozent IgE gegen Ole e 1, 56 Prozent gegen Ole e 7 und 33 Prozent gegen Ole e 9.

Diese Unterschiede sind für die Behandlung wichtig. Ole e 7 gehört zu den Lipid-Transfer-Proteinen, einer robusten Eiweißfamilie, die auch in Pfirsich und anderen Früchten vorkommt. Patienten, die vor allem auf Ole e 7 reagieren, hatten in der Hyposensibilisierung häufiger Nebenwirkungen, und die europäische Fachgesellschaft EAACI rät bei dieser Konstellation von der Immuntherapie ab. Ole e 9 trat dagegen fast nur zusammen mit Ole e 1 auf, in der Córdoba-Auswertung bei 98,6 Prozent der Fälle.

Blühender Olivenzweig mit cremeweißen Blütenrispen und gelbem Blütenstaub

Warum Eschenallergiker in Andalusien niesen

Olive und Esche sind botanisch Verwandte. Beide gehören zur Familie der Ölbaumgewächse, ebenso Flieder, Liguster, Forsythie und Jasmin. Wie aus dem wilden Ölbaum die Kulturolive wurde und wer sonst noch zur Familie zählt, ist eine eigene Geschichte über Wildform und Verwandtschaft. Für Allergiker zählt etwas anderes. Die Hauptallergene dieser Pflanzen sind einander so ähnlich gebaut, dass das Immunsystem sie oft verwechselt. Das Eschenallergen heißt Fra e 1, beim Liguster ist es Lig v 1, beim Flieder Syr v 1.

Eine Arbeit aus dem Universitätsspital Zürich zeigt, wie eng der Zusammenhang ist. Imhof und Kollegen untersuchten 2014 rückblickend 183 Pollenallergiker. Die IgE-Werte gegen Ole e 1 und gegen Eschenpollen liefen fast parallel, mit einem Korrelationskoeffizienten von 0,896. Zur Birke bestand dagegen kaum ein Zusammenhang. Die Schweizer folgerten, dass man mit dem Olivenallergen eine Eschenallergie ebenso gut nachweisen kann wie mit dem Eschenextrakt selbst. Die Studie ist klein und war nicht als Vergleichsstudie angelegt, das sagen die Autoren auch selbst.

Praktisch heißt das: Wer im März und April in Deutschland unter Eschenpollen leidet, hat gute Chancen, im Frühsommer am Mittelmeer erneut Beschwerden zu bekommen. Umgekehrt halten manche Menschen ihre Eschenallergie für eine Birkenallergie, weil beide Bäume ungefähr gleichzeitig blühen.

Pflanze Hauptallergen Blüte, grob Wo es zählt
Esche Fra e 1 März bis Mai, Schwerpunkt April Mitteleuropa
Olivenbaum Ole e 1 Mitte April bis Ende Juni, je nach Region Mittelmeerraum, Naher Osten
Flieder Syr v 1 Mai Gärten, eher kleine Pollenmengen
Liguster Lig v 1 Juni bis Juli Hecken, eher kleine Pollenmengen

Flieder und Liguster werden überwiegend von Insekten bestäubt und geben wenig Pollen an die Luft ab. Sie spielen deshalb im Alltag eine kleinere Rolle als Esche und Olive, die ihren Blütenstaub dem Wind überlassen.

Wann und wo Olivenpollen fliegen

Im Süden Spaniens beginnt der Pollenflug etwa Mitte April, in Italien kann er bis Ende Juni dauern. In Córdoba legen die Allergologen für ihre Diagnosen den Zeitraum April bis Juni zugrunde. Wie stark es im Einzelfall wird, hängt vom Jahr ab. Olivenbäume tragen im Wechsel, ein starkes Blütejahr folgt oft auf ein schwaches, und der Mittelmeerraum ist die Region, in der Olivenpollen die meisten Allergiker plagen.

Auch in Israel steht die Olive weit oben. Eine Untersuchung an 1.308 Patienten mit allergischem Schnupfen aus drei Klimazonen des Landes, 2024 im Israel Medical Association Journal erschienen, fand positive Hauttests auf Olivenpollen bei 36 Prozent im Zentrum, 33 Prozent in der Küstenebene und 30 Prozent im Süden. Nur Hausstaubmilben waren in allen drei Regionen häufiger. Diese Zahlen stammen aus Allergiepraxen, sie sagen also etwas über Menschen mit Beschwerden und nichts über die Gesamtbevölkerung.

Für die Urlaubsplanung sind zwei Dinge nützlich: Pollenvorhersagen des Reiselands und ein Blick auf die Landschaft. Eine Küstenstadt mit wenig Hinterland ist etwas anderes als ein Landgut mitten im Olivenmeer der Provinz Jaén.

Weite Hügellandschaft in Andalusien mit endlosen Reihen von Olivenbäumen

Der Olivenbaum auf dem Balkon

Seit Olivenbäume in Kübeln vor Cafés und auf Dachterrassen stehen, fragen Allergiker zu Recht, ob ihnen das Problem nach Hause folgt. Das Robert Koch-Institut hat in seinem Sonderheft zu Klimawandel und Allergien von 2023 davon abgeraten, bei der Stadtbegrünung auf gebietsfremde, hitzeverträgliche Bäume mit hohem Allergiepotenzial zu setzen, und nennt dabei ausdrücklich den Olivenbaum.

Ein einzelnes Bäumchen im Topf blüht in Deutschland oft spärlich oder gar nicht, und es bildet nicht annähernd die Pollenwolke eines Hains. Ob ein Kübelbaum überhaupt blüht, hängt an einem kühlen Winter und viel Licht. Fehlt beides, bleibt der Olivenbaum ohne Blüten und Früchte. Wer weiß, dass er stark auf Esche reagiert, stellt sich trotzdem lieber keinen blühenden Olivenbaum direkt neben das Schlafzimmerfenster. Ein Olivenbaum im Kübel lässt sich in den Blütenwochen auch in eine entferntere Ecke der Terrasse rollen.

Gibt es eine Allergie gegen Oliven und Olivenöl?

Ja, aber sie ist selten, und sie hat mit dem Heuschnupfen meist wenig zu tun. Trotz der weit verbreiteten Pollenallergie und obwohl rund ums Mittelmeer täglich Oliven gegessen werden, beschreibt die Fachliteratur nur einzelne Fälle.

Eine spanische Arbeitsgruppe aus Madrid hat 2014 eine Erklärung dafür geliefert. Rohe Oliven enthalten ein Eiweiß namens Ole e 13, ein sogenanntes Thaumatin-ähnliches Protein. Es löst bei Arbeitern in Ölmühlen berufsbedingte Allergien aus, wenn sie mit frischen Früchten hantieren. In essfertigen Oliven fanden die Forscher das Eiweiß in reaktiver Form nicht mehr, weil das Einlegen in Lauge und Lake es zerstört. Im Pollen kommt Ole e 13 gar nicht vor, und die Seren von Olivenpollenallergikern reagierten nicht darauf. Frisch vom Baum sind Oliven ohnehin ungenießbar bitter, erst das Entbittern in Lauge, Lake oder Wasser macht sie essbar.

Die Einzelfälle gibt es trotzdem. Aus der Türkei ist ein 28-jähriger Mann mit Olivenpollenallergie beschrieben, der nach dem Essen von Oliven Gaumenjucken und Nesselsucht bekam, auf andere Früchte aber nicht reagierte. Die Ärzte nannten das ein Olive-Olive-Syndrom. Auf einem europäischen Allergiekongress stellte eine Gruppe eine junge Frau vor, die auf grüne Oliven reagierte und nicht auf schwarze. Als Auslöser vermuteten die Autoren dort ausgerechnet Ole e 13, was der Madrider Arbeit teilweise widerspricht. Ein Kongressposter ist allerdings kein begutachteter Fachartikel.

Beim Öl ist die Sache klarer. In mehreren Fallberichten vertrugen Menschen mit Olivenallergie das Öl beim Provokationstest ohne Beschwerden. Pflanzenöle enthalten kaum Eiweiß, und raffinierte Öle praktisch keins. Die britische Lebensmittelbehörde FSA stufte allergische Reaktionen auf Olivenöl, raffiniert wie kaltgepresst, als sehr selten und nicht auszuschließen ein, ihre Unsicherheit bei dieser Einschätzung als mittel. Häufiger als beim Essen fällt Olivenöl auf der Haut auf. Kontaktekzeme sind vor allem nach Salben und Hausmitteln beschrieben, die über Wochen auf gereizte Haut kommen, und bei Berufen mit ständigem Kontakt, etwa bei Masseuren oder Pizzabäckern. Für die Pflege bedeutet das wenig, solange die Haut intakt ist; was Studien zu Olivenöl auf der Haut tatsächlich zeigen, ist ein Thema für sich.

Grüne Oliven in Lake und schwarze Oliven in Schalen neben einem Glas Öl

So läuft die Diagnose

Am Anfang steht das Gespräch: Wann treten die Beschwerden auf, wo, und passen sie zum Pollenkalender? Schnupfen und Augenjucken im April in Deutschland deuten eher auf Esche oder Birke, die gleichen Symptome im Mai in Apulien eher auf Olive oder Gräser. Gräser blühen im Mittelmeerraum zur selben Zeit, und viele Menschen sind gegen beides sensibilisiert. In der Córdoba-Studie traf das auf 341 von 1.172 Patienten zu.

Danach folgen Hauttest und Bluttest. Im Labor lässt sich IgE gegen Olivenpollen als Ganzes bestimmen und gegen einzelne Allergene wie Ole e 1, Ole e 7 und Ole e 9. Diese Komponentendiagnostik entscheidet mit darüber, ob eine Hyposensibilisierung sinnvoll ist. Die Allergologen in Córdoba nennen für Ole e 1 einen Wert ab 14 kUA/l als guten Hinweis darauf, dass eine Immuntherapie angezeigt ist. Solche Grenzwerte gelten für die dortige Patientengruppe und sind kein Rezept für die Selbstdiagnose.

In Deutschland sind Testlösungen für den Hauttest knapper geworden, weil Testallergene als Arzneimittel eine Zulassung brauchen. Zwischen 2011 und 2018 sank die Zahl zugelassener Pricktestlösungen für Soforttyp-Allergien von 522 auf 378. Ob eine Praxis einen Olivenpollen-Pricktest vorrätig hat, ist deshalb unterschiedlich. Der Bluttest ist überall möglich. Bei Atemnot, pfeifendem Atem oder Schwellungen im Mund nach dem Essen von Oliven gehört die Abklärung in eine allergologische Praxis und nicht in ein Internetforum.

Eingelegte Oliven stehen außerdem auf vielen Listen für Menschen mit Histaminintoleranz. Das ist keine Allergie, sie wird auch anders untersucht.

Häufige Fragen

Kann man Olivenpollen kaufen?

Ja, Olivenpollen werden im Handel teils als Nahrungsergänzung oder Bienenpollen-Mischung angeboten. Für Menschen mit Olivenpollen- oder Eschenallergie ist das wenig sinnvoll, denn sie schlucken damit genau ihr Allergen. Wie stark das Beschwerden macht, ist nicht untersucht. Für Allergietests nutzen Praxen standardisierte Extrakte und keine Pollen aus dem Handel.

Sind schwarze Oliven verträglicher als grüne?

Dazu gibt es keine belastbaren Daten. In einem Kongressbericht reagierte eine Patientin nur auf grüne Oliven, das ist ein Einzelfall. Wer nach Oliven Beschwerden hat, sollte beide Sorten erst nach ärztlicher Abklärung wieder essen.

Bekomme ich als Eschenallergiker sicher Probleme im Mittelmeerurlaub?

Nicht sicher, aber die Wahrscheinlichkeit ist hoch, wenn die Reise in die Blütezeit von Mitte April bis Juni fällt. Im Juli flaut der Olivenpollenflug in den meisten Regionen ab. Ob eine Hyposensibilisierung infrage kommt und mit welchem Extrakt, klärt die Allergologin im Einzelfall.

Ist Olivenöl für Pollenallergiker tabu?

Nein. Olivenpollenallergiker vertragen Olivenöl in aller Regel, und auch bei den wenigen Menschen mit Olivenallergie verlief der Test mit Öl in den beschriebenen Fällen ohne Reaktion.

Quellen

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