Wie Mineralöl und Weichmacher ins Olivenöl geraten

Rüttelmaschine mit Auffangschirm unter einem Olivenbaum, Ölfleck auf der Plane

30 von 30. So viele Olivenöle enthielten im Öko-Test vom Mai 2026 Mineralöl, mindestens in Spuren. Die Stiftung Warentest fand wenige Monate vorher unter 25 Ölen sechs, die deutlich oder stark mit Mineralölbestandteilen belastet waren, und ein Bio-Öl mit sehr viel Weichmacher. Beides sind keine Zutaten, sondern Verunreinigungen aus Maschinen, Schläuchen und Dichtungen. Wie sie ins Öl kommen, ist inzwischen recht gut untersucht.

Vier Stoffgruppen, die in Tests auftauchen

In den Testberichten fallen meist dieselben Abkürzungen. Sie stehen für Stoffe mit unterschiedlicher Herkunft und unterschiedlichem Risiko.

Stoff Typische Quelle beim Olivenöl Gesundheitliche Einordnung Rechtlicher Stand
MOSH (gesättigte Mineralölkohlenwasserstoffe) Schmierstoffe, Hydrauliköl, Abgase, Umwelt reichern sich im Fettgewebe und in Organen an, laut EFSA bei heutiger Aufnahme kein Grund zur Besorgnis kein Höchstgehalt, nur Richtwerte für die Überwachung
MOAH (aromatische Mineralölkohlenwasserstoffe) wie MOSH, oft als Anteil desselben Mineralöls Verbindungen mit drei und mehr Ringen können erbgutverändernd und krebserzeugend sein EU-Höchstgehalte beschlossen, gelten ab 2027
Phthalate (Weichmacher wie DBP, DEHP, DINP) Schläuche und Dichtungen aus Weich-PVC, Kunststofftanks, Verschlüsse einige wirken auf das Hormonsystem und die Fortpflanzung Migrationsgrenzen für Lebensmittelkontaktmaterialien
Chlorparaffine technische Kunststoffe, Schmier- und Kühlmittel schwer abbaubar, reichern sich an bisher kein eigener Höchstgehalt für Lebensmittel

Am meisten Aufmerksamkeit bekommen die MOAH. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) schreibt, dass einige von ihnen erbgutverändernd und krebserzeugend sind, und zwar fast ausschließlich die mit drei oder mehr aromatischen Ringen. In der Routineanalytik lässt sich dieser Anteil bisher nicht getrennt messen. Deshalb gilt die Vorgabe, dass MOAH in Lebensmitteln möglichst gar nicht nachweisbar sein sollen. Bei den MOSH kam die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) 2023 zu einem ruhigeren Urteil. Sie reichern sich zwar in Organen an, die derzeitige Aufnahme über die Nahrung sei für die europäische Bevölkerung aber kein Grund zur Besorgnis. Erwünscht sind sie trotzdem nicht.

Auf dem Weg vom Baum zur Mühle

Die gründlichste Spurensuche stammt aus Italien. Die Gruppe um Sabrina Moret an der Universität Udine pflückte in der Saison 2020/21 in 15 Olivenhainen Oliven von Hand und presste sie getrennt von den maschinell geernteten Früchten. Die handgepflückten Proben enthielten nur einen Hintergrund von weniger als 2,7 mg MOSH je Kilogramm Öl und keine messbaren MOAH. Nach der maschinellen Ernte stieg die Belastung in 40 Prozent der Fälle. Meist lagen die Werte dann zwischen 4,3 und 33,7 mg/kg MOSH und 1,1 bis 11,3 mg/kg MOAH. Ein Ausreißer kam auf 325,8 mg/kg MOSH und 111 mg/kg MOAH. Als Ursache fanden die Forscher ausgelaufene Schmierstoffe und den Kontakt der Oliven mit geschmierten Maschinenteilen.

Lösbar wäre das Problem. In einer Übersicht von 2026 nennt dieselbe Arbeitsgruppe die Ernte als den kritischsten Schritt der ganzen Kette. Als wichtigste Gegenmaßnahme empfiehlt sie, technische Schmierstoffe konsequent durch lebensmitteltaugliche zu ersetzen. Das Waschen der Oliven in der Mühle senkt die MOSH-Belastung etwas. Die Mühle selbst kann aber wieder Mineralöl eintragen, etwa über geschmierte Anlagenteile. Wie viele Stationen eine Olive auf dem Weg durch die Ölmühle mit Dekanter und Malaxation passiert, macht verständlich, warum die Belastung je nach Betrieb so stark schwankt.

Ein Befund aus Spanien ergänzt das Bild. Forschende des Instituto de la Grasa in Sevilla untersuchten 2023 Oliventresteröl, das mit Lösungsmitteln aus den Pressrückständen gewonnen wird. Im Handel fanden sie 33 bis 205 mg/kg MOSH und 2 bis 55 mg/kg MOAH, also ein Vielfaches dessen, was in nativen Ölen üblich ist. Die Raffination entfernte das Mineralöl kaum. Wer Oliventresteröl kauft, sollte das wissen. Die spanischen Autoren halten die MOAH darin für wenig bedenklich, weil sie fast nur aus Verbindungen mit einem oder zwei Ringen bestanden, und kritisieren die geplanten Höchstgehalte. Ob man dieser Einschätzung folgt, ist eine Frage der Vorsicht.

Rüttelmaschine mit Auffangschirm unter einem Olivenbaum, Ölfleck auf der Plane

Weichmacher aus Schlauch, Tank und Flasche

Bei den Weichmachern ist die Herkunft noch alltäglicher. Phthalate machen PVC biegsam, sie stecken in Schläuchen, Dichtungen und manchen Beschichtungen. Weil sie fettlöslich sind, wandern sie bereitwillig ins Öl. Öko-Test fand 2026 in einigen Ölen Dibutylphthalat (DBP) und nennt als üblichen Weg Schläuche und Dichtungen aus Weich-PVC während der Produktion.

Eine portugiesische Studie von 2024 hat drei Produktionslinien Schritt für Schritt beprobt und 32 Weichmacher gesucht, darunter 23 Phthalate. Schon die unverarbeiteten Oliven waren nicht ganz frei davon, und mit jeder Verarbeitungsstufe stiegen die Gehalte. Am häufigsten war DINP. Einige abgefüllte Öle überschritten die Grenze, die für den Übergang dieses Stoffs aus Verpackungen gilt. Nach 18 Monaten Lagerung enthielten Öle in Kunststoffflaschen mehr Weichmacher als Öle in Glas.

Rechtlich geregelt ist der Übergang aus Materialien, die mit Lebensmitteln in Berührung kommen. Mit der Verordnung (EU) 2023/1442 hat die EU die Grenzen deutlich gesenkt: für DEHP auf 0,6 mg je Kilogramm Lebensmittel, für DBP auf 0,12 mg/kg, für die Summe aus DINP und DIDP auf 1,8 mg/kg. DBP und DEHP dürfen als Weichmacher nur noch in Mehrwegmaterialien für fettfreie Lebensmittel stecken, für Öl also gar nicht mehr. Seit dem 1. Februar 2025 gilt das für alle neu in Verkehr gebrachten Materialien. Ältere Schläuche und Tanks in Mühlen und Abfüllbetrieben verschwinden aber nicht über Nacht.

Grenzwerte ab 2027

Bisher gab es für Mineralöl in Lebensmitteln keinen gesetzlichen Höchstgehalt. Seit 2022 galt eine Absprache der EU-Mitgliedstaaten: Liegt der MOAH-Gehalt in Fetten und Ölen über 2 mg/kg, soll das Produkt vom Markt genommen werden. Diese Zahl entspricht der Bestimmungsgrenze, die Labore sicher messen können.

Am 13. Mai 2026 hat der zuständige Ausschuss der Mitgliedstaaten einer Änderung der Kontaminanten-Verordnung (EU) 2023/915 zugestimmt, die erstmals verbindliche Höchstgehalte für MOAH festlegt. Sie soll ab dem 1. Januar 2027 gelten. Für die meisten Pflanzenöle nennen Prüflabore einen Wert von 2,0 mg/kg, für einige Öle wie Kokos- oder Erdnussöl übergangsweise mehr. Für Olivenöl sieht der abgestimmte Entwurf zwei Stufen vor: zunächst 4,0 mg/kg ab März 2027, ab 2028 dann 2,0 mg/kg. Das berichtete das Fachmagazin OFI im August 2026, und es erklärt, warum mal 2 und mal 4 mg/kg genannt werden. Öko-Test bezog sich in seinem Test auf die 4 mg/kg und bewertete ab der Hälfte davon. Im Amtsblatt veröffentlicht war die Verordnung Mitte Oktober 2026 noch nicht. Für MOSH sind weiterhin nur Richtwerte vorgesehen, deren Überschreitung eine Ursachensuche auslösen soll.

Was man beim Einkauf tun kann

Schmecken oder riechen lässt sich Mineralöl in diesen Mengen nicht. Ein Bio-Siegel schützt ebenfalls nicht, denn Schmierstoffe in Erntemaschinen und Weichmacher in Schläuchen haben mit dem Anbau nichts zu tun. Das zeigt schon das stark belastete Bio-Öl im Warentest, und warum Bio-Olivenöl trotzdem andere Vorteile haben kann, ist eine eigene Frage. Auch der Preis sagt wenig. In beiden Tests fanden sich belastete Öle in allen Preislagen.

Ein paar Dinge helfen trotzdem ein wenig:

  • Glasflaschen oder Metallkanister statt Kunststoff wählen. Die portugiesischen Daten sprechen bei langer Lagerung für Glas.
  • Große Gebinde zügig verbrauchen. Beim Olivenöl im Kanister lohnt der Blick aufs Material.
  • Beim Kauf von Oliventresteröl wissen, dass es meist deutlich stärker belastet ist.
  • Testergebnisse als Momentaufnahme lesen. Sie gelten für eine Charge, die nächste Ernte kann anders aussehen.

Die Verantwortung liegt am Ende bei Erzeugern, Mühlen und Abfüllern. Die Stiftung Warentest nennt die gefundenen Schadstoffgehalte absolut vermeidbar. Lebensmitteltaugliche Schmierstoffe gibt es, Schläuche ohne Phthalate auch. Dass Testinstitute jedes Jahr wieder fündig werden, zeigt eher, wie langsam sich eine ganze Branche umstellt. Einen Überblick über Methodik und Benotung der beiden großen Prüfer bietet der Beitrag zu Olivenöl-Tests von Warentest und Öko-Test.

Gaschromatograph mit Ölproben und Chromatogramm mit breitem Buckel

Häufige Fragen

Gibt es Olivenöl ganz ohne Mineralöl?

Spuren von MOSH finden sich fast immer, selbst in Öl aus handgepflückten Oliven lag ein Hintergrund unter 2,7 mg/kg. Ohne messbare MOAH auszukommen ist dagegen gut möglich, viele Öle in den Tests schafften das.

Welche Marken sind mit Mineralöl belastet?

Das ändert sich von Charge zu Charge. Die Tabellen mit Markennamen veröffentlichen Stiftung Warentest und Öko-Test in ihren Heften und kostenpflichtig online. Laut Warentest waren auch viel verkaufte Handelsmarken betroffen.

Wie gefährlich ist Mineralöl im Olivenöl?

Akut nicht. Problematisch ist die langfristige Aufnahme, vor allem von MOAH mit drei oder mehr Ringen. Das BfR empfiehlt, alle Einträge so weit wie möglich zu verringern.

Woher kommen Weichmacher im Olivenöl?

Vor allem aus Schläuchen, Dichtungen und Tanks aus Weich-PVC in Mühlen und Abfüllanlagen, teils auch aus Kunststoffflaschen und Verschlüssen.

Ist Bio-Olivenöl weniger belastet?

Nicht verlässlich. Mineralöl und Weichmacher stammen aus Technik und Verarbeitung, nicht aus dem Anbau. Im Warentest 2026 war gerade ein Bio-Öl am stärksten mit Weichmacher belastet.

Quellen

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