Der Kern aus der Olive vom Antipasti-Teller wird kein Baum. Oliven aus dem Glas oder von der Theke sind in Lauge, Salzlake oder beidem eingelegt worden, und diese Behandlung übersteht der Keimling im Inneren nicht. Wer einen Olivenbaum aus dem Kern ziehen möchte, braucht frische, reife Früchte direkt vom Baum, ungesalzen und unbehandelt.
Mit solchen Kernen klappt es durchaus. Es dauert, und das Ergebnis ist ein Baum, der seiner Mutter nur entfernt ähnelt. Wie man vorgeht und wann man besser zur Schere greift statt zum Kern, steht hier der Reihe nach.
Woher frische Olivenkerne kommen
Am einfachsten ist es nach einem Herbsturlaub in Südeuropa. Zwischen Oktober und Dezember hängen in Griechenland, Italien oder Spanien reife, dunkle Oliven an fast jedem Baum, und ein paar Früchte vom Wegrand oder vom Gastgeber reichen. Wichtig ist, dass sie unbeschädigt und vollreif sind. Manche Saatguthändler verkaufen auch getrocknete Olivenkerne. Ein Kübelbaum im eigenen Garten trägt in Deutschland selten reife Früchte, aber wenn doch, eignen sich auch die. Das Fruchtfleisch muss vollständig herunter, am besten unter lauwarmem Wasser mit einer alten Zahnbürste. Rückstände schimmeln später in der Erde.

Die harte Schale ist das eigentliche Hindernis
Was man landläufig Olivenkern nennt, ist botanisch ein Steinkern. Außen sitzt eine holzige Schale, das Endokarp, darin der eigentliche Samen, schmal und hell wie ein kleines Reiskorn. An der Universität von Kalifornien in Davis untersuchten Carlos Crisosto und E. G. Sutter 1985, warum Olivensamen so schlecht keimen. Ihr Ergebnis bei der Sorte Manzanillo: Die Steinschale hemmte die Keimung, ob die Samen vorher kalt gelagert worden waren oder nicht. Erst als die Schale ganz entfernt oder am Wurzelende aufgeschnitten wurde, keimten die Samen in hohem Anteil. Die Schale wirkt dabei rein mechanisch. Sie ist schlicht zu hart, als dass der Keimling sie sprengen könnte.
Ein Versuch aus Iran mit den Sorten Koroneiki, Zard und Shenghe kam 2020 zum selben Schluss. Am besten keimten Samen ohne Steinschale. Nach 21 Tagen kalter Lagerung bei 10 Grad erreichte Koroneiki bis zu 93 Prozent, die beiden anderen Sorten nach 31 Tagen rund 85 Prozent. Das Anätzen der Schale mit Schwefelsäure brachte höchstens etwa 50 Prozent und schädigte bei längerer Einwirkung die Keimlinge. Für den Hausgebrauch ist das ohnehin nichts.
Mit intakter Schale ist die Lage trüber. Übersichtsarbeiten beschreiben die Keimung dann als unregelmäßig und sehr langsam, sie kann sich über zwei bis drei Jahre hinziehen, und bei vielen Sorten keimen keine zehn Prozent.
Schritt für Schritt zum Keimling
- Die gesäuberten Kerne 24 Stunden in lauwarmes Wasser legen, das Wasser zwischendurch wechseln.
- Die Steinschale vorsichtig knacken. Ein Nussknacker oder ein Schraubstock mit wenig Druck funktioniert, ebenso eine Gartenschere, mit der man die Spitze am breiteren Ende abknipst. Der Samen darin darf nicht gequetscht werden. Wer sich das nicht zutraut, ritzt die Schale wenigstens mit einer Feile an.
- Die freigelegten Samen in feuchtem Küchenpapier oder feuchtem Sand in einer Dose drei bis vier Wochen kühl lagern. Im Versuch waren es 10 Grad, ein kühler Keller oder das Gemüsefach eines nicht zu kalt eingestellten Kühlschranks kommen dem nahe.
- Danach etwa einen halben bis einen Zentimeter tief in nährstoffarme Aussaaterde legen, das spitze Ende nach oben.
- Bei Zimmertemperatur oder etwas wärmer hell, aber ohne pralle Mittagssonne aufstellen und gleichmäßig feucht halten. Eine Haube aus Folie oder eine umgedrehte Plastikflasche hält die Luftfeuchte.
Geschälte Samen zeigen oft nach wenigen Wochen die ersten Keimblätter. Kerne mit Schale brauchen Monate, manchmal länger. Ein Topf, in dem nach einem halben Jahr nichts passiert ist, darf trotzdem noch eine Weile stehen bleiben.
Sobald der Sämling vier bis sechs echte Blätter hat, kommt er in einen eigenen kleinen Topf mit durchlässiger Erde. Olivensämlinge bilden früh eine kräftige Pfahlwurzel. In den ersten Jahren wächst der kleine Baum deshalb vor allem unter der Erde, oben passiert wenig. Das Umtopfen in den nächstgrößeren Topf erfolgt im Frühjahr, wenn die Wurzeln unten aus dem Abzugsloch schauen.

Warum der Sämling eine Überraschung wird
Olivenbäume werden vom Wind bestäubt und sind meist auf Pollen anderer Sorten angewiesen. Jeder Kern ist deshalb ein Kind zweier Eltern, und der Vater ist unbekannt. Der Sämling aus einer Kalamata-Olive ist keine Kalamata, sondern eine neue Pflanze mit einer zufälligen Mischung der Eigenschaften. Fruchtgröße, Ölgehalt, Wuchs und Frosthärte können ganz anders ausfallen. Züchter nutzen genau das, um neue Sorten zu finden, und werfen dabei die allermeisten Sämlinge weg.
Dazu kommt die Jugendphase. Ein Olivensämling blüht erst, wenn er eine gewisse Höhe erreicht hat. Eine Arbeitsgruppe der Universität Córdoba schreibt 2024 in einer Fachzeitschrift für Pflanzenforschung, dass diese unproduktive Phase über 14 Jahre dauern kann, teils 15 bis 20. Im Zuchtprogramm verkürzt man sie auf zwei bis vier Jahre, indem man die Sämlinge im Gewächshaus mit Dauerlicht, idealer Temperatur und Düngung über das Gießwasser treibt. Auf der Fensterbank in Deutschland gelingt das nicht. Realistisch ist ein grüner, hübscher Topfbaum, der Oliven vielleicht nie trägt. Gefallen kann er trotzdem, und als Rohling für einen Oliven-Bonsai ist ein Sämling sogar sehr beliebt.
Stecklinge, der schnellere Weg
Alle bekannten Olivensorten sind Klone. Ein Arbequina-Baum in Katalonien ist genetisch derselbe wie einer in Kalifornien, weil beide aus Stecklingen oder Pfropfreisern stammen. In Baumschulen ist die Vermehrung über halbverholzte Stecklinge, die unter Sprühnebel Wurzeln bilden, heute der übliche Weg. Solche Pflanzen blühen nach wenigen Jahren, weil sie Material eines erwachsenen Baumes sind.
Zu Hause geht das ebenfalls, nur mit geringerer Erfolgsquote. Geeignet sind Triebe aus dem laufenden oder letzten Jahr, die an der Basis schon etwas holzig sind, im Spätsommer geschnitten. Ein Versuch aus Italien nahm die Stecklinge Mitte August, tauchte sie in Bewurzelungshormon (Indolbuttersäure) und stellte sie unter Sprühnebel ins Gewächshaus. Nach 35 Tagen hatten bei der leicht wurzelnden Sorte Frantoio rund die Hälfte Wurzeln, bei der Sorte Gentile di Larino höchstens ein Fünftel. Die Sorte macht also viel aus.
So sieht der Ablauf im Kleinen aus. Einen etwa 12 bis 15 Zentimeter langen Triebabschnitt schneiden, die unteren Blätter entfernen, oben vier bis sechs stehen lassen. Das untere Ende in Bewurzelungspulver aus dem Gartenhandel tauchen und in ein Gemisch aus Sand und Anzuchterde stecken. Den Topf unter eine durchsichtige Haube stellen, warm und hell, ohne direkte Sonne. Mehrere Stecklinge gleichzeitig ansetzen, ein Teil fällt immer aus. Neue Blätter an der Spitze zeigen nach einigen Wochen, dass sich unten etwas tut.
Und die Veredelung?
Beim Veredeln setzt man ein Reis der gewünschten Sorte auf eine Unterlage, etwa einen Sämling. Damit ließe sich der eigene Kernling doch noch zu einem Baum mit bekannter Sorte machen. Für Hobbygärtner ist das eher ein Projekt für das zweite oder dritte Jahr, wenn der Sämling bleistiftdick ist. Gepfropft wird im Frühjahr, sobald sich die Rinde gut vom Holz löst. Ein scharfes Messer, Bast oder Veredelungsband und etwas Übung an Weidenzweigen vorher helfen.
| Kern | Steckling | Veredelung | |
|---|---|---|---|
| Sortenecht | nein | ja | ja, oberhalb der Veredelungsstelle |
| Bis zur ersten Blüte | oft mehr als 10 Jahre | wenige Jahre | wenige Jahre |
| Schwierigkeit zu Hause | leicht, aber langwierig | mittel | anspruchsvoll |
| Beste Zeit | Herbst und Winter nach der Ernte | Spätsommer | Frühjahr |
Ob man einen Sämling oder einen Steckling großzieht, beide sind in den ersten Wintern empfindlicher als ein dicker Baum aus der Gärtnerei. Junge Pflanzen gehören bei Frost ins Haus. Wie winterhart ein Olivenbaum ist, hängt vor allem an Sorte, Alter und Stammdicke, und ein bleistiftdünner Sämling hat davon noch nichts.
Im ersten Winter steht der kleine Baum am besten hell und kühl, etwa auf einer Fensterbank im unbeheizten Treppenhaus. Gießen nur, wenn die Erde oben angetrocknet ist, denn nasse, kalte Erde verträgt eine junge Olive schlechter als ein paar Tage Trockenheit. Gedüngt wird erst ab dem zweiten Frühjahr, und dann sparsam. Für Kinder ist so ein Projekt übrigens ideal: Man kann jedes Jahr am Türrahmen messen, wer schneller wächst.
Häufige Fragen
Kann man Olivenkerne aus dem Supermarkt einpflanzen?
Nein, jedenfalls nicht mit Aussicht auf Erfolg. Eingelegte Oliven waren in Lauge oder Salzlake, die den Keimling abtötet.
Wie lange dauert es, bis ein Olivenkern keimt?
Ohne Steinschale und nach kühler Lagerung oft wenige Wochen. Mit intakter Schale können es Monate bis zwei, drei Jahre werden.
Muss man den Olivenkern knacken?
Nicht zwingend, aber es hilft sehr. In Versuchen keimten Samen ohne Schale am besten. Mindestens anritzen sollte man die Schale.
Bei welcher Temperatur keimen Olivenkerne?
Nach einigen Wochen kühler, feuchter Lagerung um 10 Grad keimen sie bei Zimmertemperatur oder etwas wärmer. Pflanzenlexika nennen 25 bis 30 Grad als Keimtemperatur.
Trägt ein Olivenbaum aus dem Kern Früchte?
Irgendwann vielleicht. Die Jugendphase dauert oft länger als zehn Jahre, und die Früchte sind nicht dieselbe Sorte wie die Mutter.
Was kann man sonst mit Olivenkernen machen?
Einiges, vom Brennstoff bis zum Peeling. Die gesammelten Ideen zur Verwertung von Olivenkernen zeigen, was die Industrie daraus macht.
Quellen
- Arji et al. (2020): Acid scarification, stratification and endocarp removal on seed germination of three olive cultivars
- Crisosto und Sutter (1985): Role of the endocarp in Manzanillo olive seed germination
- Valverde et al. (2024): Juvenile to adult transition in olive seedlings, Frontiers in Plant Science
- Sebastiani et al. (2002): IBA and rooting of Frantoio cuttings, Advances in Horticultural Science
- Walter Reeves: Olive tree, growing from pit
- Fryd: Olivenbaum

