Taugt ein Olivenbaum als Bonsai für Anfänger? Ja, mit einer Einschränkung, die viele erst nach dem ersten Winter lernen. Die Olive verzeiht grobe Schnitte, treibt selbst aus dickem, altem Holz wieder aus und hält ein paar Tage Trockenheit aus. Ein Baum für die Fensterbank im Wohnzimmer ist sie aber nicht, und die meisten Oliven-Bonsais, die im Februar kahl werden, scheitern genau daran.
Draußen in der Sonne, drinnen nur im Winter
Von etwa Ende April bis Oktober gehört ein Oliven-Bonsai ins Freie, an den sonnigsten Platz, den Balkon oder Garten hergeben. Volle Sonne verkürzt die Abstände zwischen den Blättern und hält die Blätter klein, beides wichtig für einen Baum, der wie ein großer aussehen soll. Im Halbschatten wird er schnell langbeinig.
Im Winter braucht er einen hellen, kühlen und frostfreien Ort. Bonsai Empire beschreibt die Olive als einfach zu pflegen, wenn man sie in einem kalten, aber frostfreien Gewächshaus überwintern kann. Ein ungeheiztes Treppenhaus mit großem Fenster, ein heller Kellerraum mit Pflanzenlampe oder ein Wintergarten, der nicht über 10 bis 12 Grad warm wird, funktionieren ebenfalls. Leichte Fröste übersteht ein ausgepflanzter Olivenbaum, in der flachen Bonsaischale friert der Wurzelballen aber in einer einzigen Nacht durch. Deshalb gilt für den Bonsai die strengere Regel. Für die Frage, wie man einen Olivenbaum überwintert, ist der Bonsai der empfindlichste Fall.
Warum nicht einfach ins warme Wohnzimmer? Zu wenig Licht bei zu viel Wärme lässt den Baum lange, dünne Triebe schieben oder Blätter abwerfen. Dazu kommt, dass Olivenbäume für die Blütenbildung kühle Winter brauchen. In Versuchen einer israelischen Forschergruppe blühten Topfbäume nicht, wenn die Temperatur nachts nie unter 15,5 Grad fiel. Ein Bonsai blüht ohnehin selten, aber ein kühler Winter gehört zu seinem natürlichen Rhythmus.

Wildolive oder Kultursorte
Im Handel und in Bonsaigärtnereien begegnen einem zwei Gruppen. Die erste sind Kultursorten wie Arbequina oder Leccino, also dieselben Bäume, die auch für Öl angebaut werden. Ihre Blätter sind mehrere Zentimeter lang, was zu einem großen Bonsai ab etwa 50 Zentimetern passt, bei einem kleinen aber schnell plump wirkt.
Die zweite Gruppe ist die Wildolive, botanisch Olea europaea var. sylvestris, im Süden oft Oleaster genannt. Sie hat sehr kleine Blätter und kurze Abstände zwischen den Blättern, ihre Früchte sind kleiner und haben weniger Fruchtfleisch als die der Kulturolive. Bonsaigestalter schätzen sie wegen genau dieser kleinen Blätter und wegen ihrer rauen Rinde. Besonders begehrt sind in Südeuropa gesammelte alte Wildoliven mit natürlichem Totholz und rissiger Rinde, die nach Jahrzehnten an trockenen Hängen von selbst alt aussehen. Solche Sammelbäume kosten entsprechend, und für einen Anfänger sind sie zu schade.
Für den Einstieg reicht ein kräftiger junger Baum aus dem Gartencenter mit dickem Stamm, an dem man schneiden und drahten üben kann. Oder man zieht sich selbst einen Sämling, was Geduld kostet, aber lehrreich ist. Bis ein aus dem Kern gezogener Olivenbaum keimt, vergehen Wochen bis Monate, bis er nach Bonsai aussieht, Jahre.
Schneiden im Rhythmus der Triebe
Der Grundsatz beim Bonsai ist derselbe wie beim großen Baum: Die Olive reagiert auf jeden Schnitt mit neuen Trieben, und sie tut das auch aus altem Holz. Plantura nennt sie deshalb äußerst schnittverträglich und einen idealen Bonsai für Anfänger.
Man unterscheidet zwei Arten von Schnitten. Der Gestaltungsschnitt legt die Grundform fest. Dabei werden auch dicke Äste entfernt, am besten im zeitigen Frühjahr kurz vor dem Austrieb, wenn der Baum die meiste Kraft hat. Der Pflegeschnitt läuft dann den ganzen Sommer. Eine verbreitete Faustregel unter Bonsaigärtnern lautet, neue Triebe auf sechs bis acht Blattpaare wachsen zu lassen und sie dann auf ein bis drei Blattpaare zurückzunehmen. So verzweigt sich der Baum immer feiner. Wer jeden Trieb sofort abknipst, bekommt einen dichten, aber schwachen Baum, der Stamm wird dann kaum dicker.
Dickere Schnittstellen schneidet man mit einer Konkavzange leicht hohl aus, damit sie flach verwachsen. Totholz, das bei alten Oliven typisch ist, lässt sich mit kleinen Schnitzwerkzeugen gestalten. Das Prinzip aus dem Garten, auslichten statt stutzen, gilt beim Schneiden großer Olivenbäume wie in der Schale.
Drahten mit Geduld
Olivenholz ist hart und wird mit den Jahren spröde. Junge Zweige lassen sich gut biegen, dicke Äste kaum noch. Wer einen Ast in eine neue Richtung bringen möchte, drahtet ihn deshalb, solange er noch dünn ist, oder zieht ihn mit Spanndraht über Wochen langsam nach unten.
Für Einsteiger empfiehlt Bonsai Empire eloxierten Aluminiumdraht. Der Draht sollte etwa ein Drittel so dick sein wie der Ast und in einem Winkel von etwa 45 Grad vom Ansatz zur Spitze gewickelt werden, verankert mit ein bis zwei Windungen um den Stamm oder einen Nachbarast. Ein Ast braucht oft sechs bis zwölf Monate, bis er in seiner neuen Lage bleibt. In der Wachstumszeit kann der Draht aber schon nach ein bis vier Monaten einwachsen und dauerhafte Narben hinterlassen. Im Sommer deshalb alle paar Wochen nachsehen. Entfernt wird der Draht, indem man ihn an jeder Windung durchknipst, nicht durch Abwickeln.

Erde, Schale und Umtopfen
Staunässe verträgt die Olive schlecht, in der kleinen Schale noch weniger als im Kübel. Normale Blumenerde hält zu viel Wasser und zu wenig Luft. Bewährt hat sich eine körnige Mischung aus Akadama, Bims und Lava zu gleichen Teilen. Für Bäume, die öfter austrocknen, darf es etwas mehr Akadama sein, in sehr feuchten Lagen mehr Lava.
Junge Bäume, die noch wachsen sollen, kommen etwa alle zwei Jahre in frisches Substrat, ältere alle drei bis fünf Jahre. Der beste Zeitpunkt ist das zeitige Frühjahr, wenn die Knospen gerade schwellen. Dann werden zu lange Wurzeln gekürzt, insgesamt höchstens ein knappes Drittel. Danach gründlich angießen, einige Wochen nicht düngen und nicht stark schneiden. Beim großen Kübelbaum läuft das Umtopfen ganz ähnlich, nur gröber und mit weniger Wurzelschnitt.
Gegossen wird, wenn die oberste Schicht des Substrats abgetrocknet ist, dann aber durchdringend, bis Wasser unten herausläuft. Im Hochsommer kann das in der flachen Schale täglich nötig sein, im kühlen Winterquartier vielleicht alle ein bis zwei Wochen. Gedüngt wird von Frühjahr bis Spätsommer mit organischem Bonsaidünger oder schwach dosiertem Flüssigdünger, im Winter gar nicht.
Wenn der Bonsai Blätter verliert
Ein paar alte Blätter wirft jede Olive im Frühjahr ab, das ist normal. Verliert der Baum innerhalb weniger Tage viele Blätter, steckt meist eine dieser Ursachen dahinter:
- zu dunkel und zu warm im Winterquartier, oft direkt neben der Heizung
- nasse Wurzeln durch zu häufiges Gießen oder verdichtete Erde
- Ballen einmal vollständig ausgetrocknet, etwa nach einem heißen Wochenende ohne Gießen
- plötzlicher Ortswechsel, zum Beispiel aus dem kühlen Quartier direkt in die pralle Frühlingssonne
- Schildläuse oder Pilzflecken auf den Blättern
Die gute Nachricht: Weil die Olive aus altem Holz austreibt, kommt ein kahler Bonsai mit gesunden Wurzeln oft zurück, wenn man den Fehler abstellt und ihn hell und mäßig feucht hält. Gelbe Blätter, ringförmige Flecken und Knoten an den Zweigen haben eigene Ursachen, vom Pfauenauge bis zur Schildlaus, und gelbe Blätter am Olivenbaum lassen sich nach Merkmalen gut auseinanderhalten.
Klein, groß und was man beim Kauf prüft
Oliven-Bonsais gibt es vom handlichen Baum mit 20 Zentimetern bis zum schweren Exemplar, das zwei Leute tragen. Kleine Bäume trocknen schneller aus und reagieren empfindlicher auf Fehler. Für den Anfang ist eine mittlere Größe zwischen 30 und 50 Zentimetern angenehmer.
Beim Kauf lohnt ein genauer Blick. Ein guter Rohling hat einen Stamm, der sich nach oben verjüngt, und Wurzeln, die oben an der Erde gleichmäßig in mehrere Richtungen laufen. Viele günstige Bäume aus dem Baumarkt sind veredelt, die Veredelungsstelle sieht man als Wulst am Stamm, und sie bleibt für immer sichtbar. Die Blätter sollten fest sitzen und keine Flecken oder klebrigen Beläge zeigen, die auf Schildläuse hindeuten. Und am besten kauft man im Frühjahr, dann hat der Baum einen ganzen Sommer, um sich an den neuen Standort zu gewöhnen.
Häufige Fragen
Kann man einen Oliven-Bonsai im Zimmer halten?
Dauerhaft nicht. Im Sommer braucht er volle Sonne im Freien, im Winter einen hellen Platz um 5 bis 10 Grad. Ein warmes Wohnzimmer verträgt er nur ein paar Tage.
Ist ein Oliven-Bonsai winterhart?
Nein. In der flachen Schale friert der Wurzelballen schnell durch. Er überwintert frostfrei, aber kühl.
Wann schneidet man einen Oliven-Bonsai?
Grobe Gestaltungsschnitte im zeitigen Frühjahr, den Formschnitt der neuen Triebe laufend von Frühjahr bis Spätsommer.

