Morgens um sechs würgt die Katze auf dem Teppich, und heraus kommt eine graue, längliche Wurst aus Haaren. Wer daraufhin im Internet nach Hilfe sucht, landet schnell bei Hausmitteln: ein Klecks Butter auf die Pfote, ein Teelöffel Olivenöl ins Futter, damit die Haare besser rutschen. Klingt einleuchtend. Die Tiermedizin sieht es nüchterner.
Zuerst die Frage, die viele Halter umtreibt: Olivenöl ist für Katzen nicht giftig. Hat die Katze ein paar Tropfen vom Boden geleckt oder einen Rest aus der Pfanne erwischt, kann es höchstens weichen Kot oder Durchfall geben. Ein Notfall ist das nicht. Anders sieht es aus, wenn das Öl mit Knoblauch oder Zwiebeln aromatisiert war, beide sind für Katzen giftig, oder wenn sie in ätherische Öle wie Teebaumöl getreten ist. Dann sollte man in der Tierarztpraxis anrufen.

Haarballen
Katzen schlucken beim Putzen ständig Haare. Meist wandern sie durch den Darm und landen im Katzenklo. Bleiben zu viele im Magen, kommen sie als Haarballen wieder hoch. Ein gelegentlicher Haarballen gilt bei Langhaarkatzen als normal, häufiges Erbrechen dagegen nicht, und dahinter stecken oft eine Darmerkrankung, Hautprobleme mit vermehrtem Putzen oder Stress.
Olivenöl soll den Weg durch den Darm erleichtern. Untersucht hat das niemand. Die einzige Quelle mit einer Mengenangabe, die sich finden ließ, ist ein amerikanischer Futterratgeber, der einen Viertel Teelöffel gelegentlich für vertretbar hält, ausdrücklich als redaktionelle Einschätzung. Was gut belegt ist, steht im Merck Veterinary Manual: Haare gehören zu den häufigsten Ursachen dafür, dass der Kot einer Katze zu fest wird und sich staut, und gegen leichte Fälle helfen ballaststoffreiches Futter und genug Wasser. Spezielle Haarballen-Futter arbeiten genau mit diesen Ballaststoffen. Für den Klecks Butter auf der Pfote gilt dasselbe wie fürs Öl: viel Fett, kein Beleg, und Milchprodukte vertragen viele erwachsene Katzen ohnehin schlecht.
Am meisten bringt regelmäßiges Bürsten. Jedes Haar in der Bürste landet nicht im Magen. Bei Langhaarkatzen im Fellwechsel kann das täglich nötig sein.
Spätestens wenn die Katze würgt, ohne dass etwas kommt, nicht mehr frisst, matt wirkt oder mehrmals am Tag erbricht, ist der Haarballen womöglich steckengeblieben. Das Handbuch nennt Erbrechen und Appetitverlust als typische Zeichen eines Verschlusses von Magen oder Darm, und der lässt sich weder mit Öl noch mit Butter lösen.
Verstopfung
Katzen neigen deutlich stärker zu Verstopfung als Hunde. Besonders betroffen sind ältere und übergewichtige Tiere, Katzen mit chronischer Nierenkrankheit, weil sie dauerhaft zu wenig Wasser im Körper haben, und Tiere, die das Klo meiden, weil es schmutzig ist, sie Schmerzen haben oder gestresst sind. Bei manchen Katzen weitet sich der Dickdarm mit der Zeit dauerhaft, Tierärzte sprechen dann von einem Megakolon.
Ein wenig Öl im Futter wirkt allenfalls leicht gleitend, Studien gibt es dazu nicht. Das Merck Veterinary Manual nennt als Behandlung ballaststoffreiches Futter, etwa mit Flohsamen oder Kürbis, ausreichend Flüssigkeit und, wenn nötig, Abführmittel wie Laktulose, die der Tierarzt verordnet. Zwei Warnungen daraus sind für Halter wichtig. Abführmittel für Menschen können für Katzen gefährlich sein. Und Paraffinöl, ein altes Hausmittel, soll Katzen nicht ins Maul gegeben werden, weil sie es leicht in die Lunge einatmen.
Das gilt sinngemäß auch für Olivenöl. Eine Katze, die sich wehrt, bekommt kein Öl mit der Spritze ins Maul, schon gar nicht im Liegen. Wenn überhaupt, gehört ein kleiner Klecks ins Nassfutter. Hat die Katze seit zwei Tagen keinen Kot abgesetzt, presst sie erfolglos, erbricht sie oder frisst sie nicht, ist das ein Fall für die Praxis und kein Fall für die Speisekammer.

Fell, Haut, Wunden und Ohren
Glänzt das Fell stumpf oder schuppt die Haut, liegt das selten am Fett im Futter. Fertigfutter für Katzen ist fettreich, Katzen sind als reine Fleischfresser auf Fett eingestellt. Häufiger sind Übergewicht, bei dem die Katze ihren Rücken nicht mehr erreicht, Zahnschmerzen, Arthrose, Parasiten oder Allergien. Ein Löffel Öl ändert daran nichts.
Auf das Fell geträufelt wird Olivenöl ohnehin sofort abgeleckt, oft zusammen mit allem, was sonst noch daran klebt. Auf Wunden hat es nichts zu suchen. Katzenbisse und Kratzer aus Revierkämpfen entzünden sich leicht und bilden Abszesse unter der Haut, die von außen harmlos aussehen. Solche Wunden gehören untersucht und gereinigt, nicht eingeölt. Was Olivenöl auf der Haut des Menschen bewirkt, ist im Übrigen gar nicht so freundlich, wie der Ruf vermuten lässt, das zeigen Studien zu Olivenöl und Hautbarriere.
Rissige oder trockene Pfotenballen haben Wohnungskatzen vor allem im Winter, wenn die Heizungsluft trocken ist. Bei Freigängern kommt Streusalz dazu, das man nach dem Spaziergang am besten mit lauwarmem Wasser abwäscht. Ein Hauch Olivenöl auf den Ballen ist unbedenklich, weil die Katze ihn ohnehin ableckt, und bleibt eben deshalb meist wirkungslos. Blutet ein Ballen, lahmt die Katze oder leckt sie ständig an einer Pfote, steckt oft ein Fremdkörper oder eine Entzündung dahinter.
Bei den Ohren gilt dasselbe wie beim Hund. Dunkler, krümeliger Belag, der an Kaffeesatz erinnert, deutet laut Merck stark auf Ohrmilben hin. Daneben kommen Hefepilze, Bakterien und Allergien in Frage. Das Handbuch verlangt, vor jeder Behandlung ins Ohr zu sehen und das Trommelfell zu prüfen, und rät von reizenden Hausmitteln ab. Ölen gegen Milben ist ein alter Tipp, der die Tiere allenfalls teilweise erstickt und die Untersuchung erschwert. Milbenmittel vom Tierarzt wirken zuverlässig. Für Menschen dagegen weicht Olivenöl tatsächlich Ohrenschmalz auf, das Ohr einer Katze ist aber anders gebaut. Beim Hund raten Tierärzte aus denselben Gründen ab.

Olivenbaum, Oleander und Oliven
Viele Katzenhalter haben einen Olivenbaum auf dem Balkon und fragen sich, ob die Katze daran knabbern darf. In der Giftpflanzenliste der amerikanischen Tierschutzorganisation ASPCA steht der Olivenbaum nicht unter den für Katzen giftigen Pflanzen. Dort steht aber, wenige Zeilen weiter, der Oleander. Er sieht mit seinen schmalen, ledrigen Blättern einem Olivenbaum ähnlich, steht oft daneben im Kübel und ist in allen Teilen giftig, für Katzen wie für Hunde. Beim Kauf lohnt deshalb ein Blick aufs Etikett. Wer einen echten Olivenbaum pflegt, findet Hinweise zu Standort und Gießen bei der Pflege im Kübel. Große Mengen Blätter sollte die Katze trotzdem nicht fressen, Erbrechen ist bei jedem Grünzeug möglich.
Und Oliven? Manche Katzen sind ganz verrückt danach und reagieren auf den Geruch ähnlich wie auf Katzenminze. Eine Erklärung, die über Vermutungen hinausgeht, kenne ich nicht. Eine einzelne entsteinte Olive schadet nicht. Eingelegte Oliven sind allerdings sehr salzig, Kerne können im Darm stecken bleiben, und Oliven mit Knoblauch oder in gewürztem Öl sind tabu.
Wenn schon Öl, dann wie viel?
Eine belastbare Dosierung gibt es nicht. Eine erwachsene Katze von vier Kilo braucht je nach Aktivität grob 200 bis 250 Kilokalorien am Tag. Ein Viertel Teelöffel Olivenöl liefert etwa 10 davon, ein ganzer Teelöffel rund 40, also schon ein Sechstel des Tagesbedarfs. Damit liegt der Teelöffel, der in manchen Foren genannt wird, klar zu hoch. Die Nährwerte von Olivenöl machen den Grund deutlich: Es ist fast reines Fett.
In der Zutatenliste mancher Katzenfutter steht Olivenöl, meist weit hinten und damit in kleiner Menge. Ein Alleinfutter ist so zusammengesetzt, dass es alles Nötige enthält, zusätzliches Öl braucht es nicht. Anders bei selbst zusammengestelltem Futter, etwa beim Barfen: Dort hängt die Versorgung an einer durchgerechneten Rezeptur, und Öl ist ein Baustein unter vielen. Für solche Pläne gibt es Tierärzte mit Zusatzausbildung in Ernährung.
Übergewicht ist bei Wohnungskatzen ohnehin ein verbreitetes Problem. Hinzu kommt, dass Katzen mit Darm- oder Lebererkrankungen häufiger eine Bauchspeicheldrüsenentzündung entwickeln. Fett ist bei Katzen zwar kein so klarer Auslöser wie beim Hund, sehr fettreiche Kost vermeidet man bei einer Pankreatitis laut Merck aber trotzdem. Eine Katze mit chronischen Verdauungsproblemen bekommt Öl deshalb nur nach Rücksprache mit der Tierarztpraxis.
Häufige Fragen
Ist Olivenöl giftig für Katzen?
Nein. Größere Mengen können Durchfall auslösen. Gefährlich sind dagegen Öle mit Knoblauch oder Zwiebeln und ätherische Öle wie Teebaumöl.
Hilft Olivenöl bei Haarballen?
Belegt ist das nicht. Bürsten, ballaststoffreiches Futter und genug Wasser sind die besseren Mittel, bei häufigem Erbrechen sollte die Katze untersucht werden.
Ist der Olivenbaum giftig für Katzen?
Nein, der Olivenbaum steht nicht auf der Liste giftiger Pflanzen der ASPCA. Verwechslungsgefahr besteht mit dem giftigen Oleander.
Quellen
- Merck Veterinary Manual: Constipation and Obstipation in Small Animals
- Merck Veterinary Manual: Disorders of the Stomach and Intestines in Cats
- Merck Veterinary Manual: Pancreatitis in Dogs and Cats
- Merck Veterinary Manual: Otitis Externa in Animals
- ASPCA: Cats Plant List
- Hunker: Are Olive Trees Poisonous to Animals?
- Plain Pet Food: Olive oil for dogs and cats

