Die Olivenfliege und ihre Spuren im Öl

Olivenfliege sitzt auf einer grünen Olive am Zweig

Im Oktober liegen am Gardasee unter manchen Bäumen schon Oliven im Gras, lange bevor die Netze ausgelegt werden. Schneidet man eine davon auf, zieht sich ein brauner Gang durch das Fruchtfleisch, und in der Haut sitzt ein rundes Loch, kaum größer als ein Stecknadelkopf. Durch dieses Loch hat sich eine Made ins Freie gefressen. Sie stammt von der Olivenfliege, auch Olivenfruchtfliege genannt, wissenschaftlich Bactrocera oleae. Im Mittelmeerraum gibt es keinen Schädling, der Olivenbauern mehr Arbeit macht.

Die kurze Antwort auf die häufigsten Fragen: Die Fliege legt ihre Eier einzeln in die Früchte, die Larven fressen das Fruchtfleisch, das Öl daraus wird saurer und ärmer an Polyphenolen. Bekämpft wird sie heute vor allem mit Fallen, Ködern, Tonmineral auf den Blättern und früher Ernte. In deutschen Gärten spielt sie nach heutigem Stand keine Rolle.

Eine Fliege, die nur Oliven will

Die erwachsene Fliege ist vier bis fünf Millimeter lang, also kleiner als eine Stubenfliege. Weibchen haben einen gelblichen Kopf und blaugrüne Augen. Auffällig ist das Tier nicht, man übersieht es leicht zwischen den silbrigen Blättern. Ihre Larven entwickeln sich ausschließlich in Früchten der Gattung Olea, also in Kulturoliven und in den kleinen Früchten des wilden Ölbaums.

Herkunft und Ausbreitung sind gut dokumentiert. Vermutlich stammt die Art aus Afrika südlich der Sahara. Heute lebt sie im gesamten Mittelmeerraum, im Nahen und Mittleren Osten, auf den Kanaren und in Teilen Afrikas. In Nordamerika wurde sie im November 1998 zum ersten Mal gefunden, in Oliven von Zierbäumen im Bezirk Los Angeles. Inzwischen kommt sie in ganz Kalifornien und im Norden Mexikos vor. Aus Südamerika und Australien sind keine Funde bekannt.

Olivenfliege sitzt auf einer grünen Olive am Zweig

Vom Ei bis zur nächsten Generation

Das Weibchen sticht mit seinem Legebohrer in die Fruchthaut und legt pro Einstich ein einziges Ei. Im Sommer schafft es zwei bis vier Eier am Tag, im Herbst zehn bis zwanzig. Weil jede Olive nur ein Ei bekommt, steigt der Befall in einem Hain mit vielen Früchten langsamer als in einem Jahr mit magerem Behang. Am Gardasee hat genau das im Jahr 2021 die Fallen ausgehebelt.

  1. Das Ei schlüpft im Sommer nach zwei bis drei Tagen, im Herbst nach etwa zehn.
  2. Die Larve durchläuft drei Stadien und frisst Gänge ins Fruchtfleisch. Den Kern lässt sie in Ruhe. Im Sommer ist sie nach zehn bis dreizehn Tagen fertig, bei kühler Witterung dauert es deutlich länger. In Laborversuchen von Tsitsipis aus dem Jahr 1980 schwankte die Larvenzeit zwischen 9 und 37 Tagen, je nach Temperatur.
  3. Im Sommer verpuppt sich die Larve in der Olive, direkt unter dem Ausflugloch. Im Spätherbst verlässt sie die Frucht, fällt zu Boden und überwintert als Puppe in der Erde. Die Puppenruhe dauert im Sommer acht bis zehn Tage, im Winter bis zu sechs Monate.
  4. Die frisch geschlüpfte Fliege ist nach wenigen Tagen paarungsbereit, und der Kreislauf beginnt von vorn.

Im Hochsommer dauert eine Generation also gut drei Wochen. Je nach Region entstehen drei bis fünf Generationen im Jahr, an warmen Küsten mehr als in höheren Lagen. Unter etwa 10 bis 12 Grad steht die Entwicklung still, am besten läuft sie zwischen 20 und 30 Grad. Hitze setzt der Fliege zu. Bleibt es mehrere Stunden am Tag über 32 Grad, sterben mehr als 80 Prozent der Eier und jungen Larven. In heißen Sommern beginnt der eigentliche Befall deshalb oft erst spät, in einer Feldstudie aus Montenegro jedes Jahr Ende Juli.

Was der Fraß mit dem Öl macht

Das Ausflugloch ist das eigentliche Problem. Durch die verletzte Haut dringen Luft, Hefen und Bakterien ein, das Fruchtfleisch zerfällt, und Enzyme spalten das Fett in freie Fettsäuren. Öl aus stark befallenen Oliven kann einen Säuregehalt von 2 bis 10 Prozent haben, gerechnet als Ölsäure. Für nativ extra liegt die Grenze für freie Fettsäuren bei 0,8 Prozent.

Auch die Polyphenole leiden. Eine algerische Arbeitsgruppe um Medjkouh verglich 2016 Öle aus befallenen und unbefallenen Oliven der Sorten Limli und Rougette de Metidja. Der Gesamtgehalt an Phenolen fiel durch den Befall um mehr als 30 Prozent, und die Öle aus befallenen Früchten mussten in die Klasse nativ abgestuft werden. Kroatische Forscher pressten 2023 Leccino-Oliven mit 0, 50 und 100 Prozent Befall. Bei vollem Befall sanken die chemischen Qualitätswerte, und im Panel-Test wurde ein eigener Fehler umso deutlicher, je mehr Oliven befallen waren. Im Englischen heißt er grubby. Wie jedes der Fehlaromen schließt er die Klasse nativ extra aus, sobald das Panel ihn sicher wahrnimmt.

Für Öle, die den Health Claim für Olivenöl-Polyphenole tragen sollen, ist das ein echtes Risiko. Der Claim setzt mindestens 250 mg Hydroxytyrosol und Derivate je Kilogramm voraus. In einer portugiesischen Beobachtungsstudie aus Bio-Hainen (Peres und Mitautoren, 2024) verfehlten späte Partien der Sorte Galega diesen Wert deutlich, bei 69 bis 72 Prozent Fliegenbefall. Allerdings war dieselbe Partie auch stark von der Pilzkrankheit Anthraknose befallen, und die Autoren schreiben den Verlust vor allem dem Pilz zu.

Ganz so düster ist das Bild trotzdem nicht. In Sizilien wurden zwischen 2004 und 2014 sechs Ernten aus acht Hainen untersucht. Oliven, die zwischen Ende Oktober und Mitte November gepflückt und binnen 24 Stunden in guten Mühlen verarbeitet wurden, ergaben bis zu 45 Prozent Ausfluglöchern noch hochwertiges natives Olivenöl extra und bis zu 62 Prozent noch nativ extra. Bei späterer Ernte lag die Grenze niedriger. Die Autoren halten den Zeitpunkt der Ernte und die Verarbeitung deshalb für fast so wichtig wie die Bekämpfung selbst.

Bekämpfung im Hain seit dem Aus für Dimethoat

Jahrzehntelang spritzten viele Betriebe das Insektizid Dimethoat, etwa alle 20 Tage. Mit der Durchführungsverordnung (EU) 2019/1090 hat die EU-Kommission die Genehmigung des Wirkstoffs nicht verlängert, sie lief 2020 aus. Seitdem setzen Bauern stärker auf eine Kombination mehrerer Verfahren.

Verfahren Wie es funktioniert Einschränkung
Köderspritzung Eiweißköder mit Spinosad, in Tropfen auf einen Teil der Krone gespritzt, die Fliegen fressen davon muss bis zur Ernte regelmäßig wiederholt werden, im Bioanbau zugelassen
Attract and kill Köderstationen mit Lockstoff und Insektizid, im Hain verteilt wirkt schwächer, wenn wenige Oliven am Baum hängen
Massenfang viele Fallen mit Futterlockstoff oder Pheromon Ergebnisse schwanken stark von Jahr zu Jahr
Kaolin weißer Tonfilm auf Früchten und Blättern, das Weibchen findet keine Stelle zur Eiablage Regen wäscht ihn ab, Bäume wirken wie mit Mehl bestäubt
Kupfer wirkt abweisend auf die Fliege Kupfer reichert sich im Boden an
frühe Ernte und Hygiene Oliven früh pflücken, Fallobst aufsammeln, Restfrüchte abschlagen weniger Öl je Kilo Oliven bei früher Ernte

Ob sich eine Behandlung lohnt, entscheiden viele Berater nach Schwellenwerten. In Nordsardinien galten zehn gefangene Fliegen pro Leimfalle und Woche im Sommer als Signal, im Oktober dreißig. Bei Ölsorten tolerierte man 10 bis 15 Prozent befallene Früchte, bei Tafeloliven nur 5 Prozent, weil dort jeder Einstich sichtbar bleibt.

Wie schwer das in der Praxis ist, zeigt ein dreijähriger Versuch am Ostufer des Gardasees, 2025 in der Fachzeitschrift Insects veröffentlicht. In Castelletto di Brenzone standen Köderstationen mit Spinosad, in Malcesine Massenfangfallen, jeweils neben einer unbehandelten Kontrollfläche. 2021 war ein schwaches Erntejahr mit nur 108 und 72 Kilogramm Oliven je Hektar. Die Köderstationen halbierten den Befall zwar von 55,7 auf 27,9 Prozent der Früchte, unter den Massenfangfallen waren aber 87,9 Prozent befallen, etwa so viele wie auf der Kontrollfläche. In guten Jahren wie 2020 blieb der Befall dagegen überall niedrig. Die Fallen hielten die Zahl der Fliegen klein. Wenn aber kaum Oliven am Baum hängen, finden auch wenige Weibchen genug Früchte für ihre Eier.

Mit natürlichen Feinden wird seit über hundert Jahren experimentiert. Der italienische Entomologe Filippo Silvestri holte Anfang des 20. Jahrhunderts Schlupfwespen aus Afrika, die ihre Eier in die Fliegenlarven legen. Eine Art aus Tunesien hat sich nur in einigen Gegenden Süditaliens gehalten und bringt dort wenig. Die Freilassung sterilisierter Männchen wird erforscht, im großen Stil durchgesetzt hat sie sich bei der Olivenfliege bisher nicht. Allein in Spanien kostet die Bekämpfung nach Angaben der Olive Oil Times mehr als 100 Millionen Euro im Jahr.

Olivenfliege Falle kaufen oder selbst bauen

Im Handel gibt es zwei Grundtypen. Gelbe Leimtafeln mit einem Pheromon locken nur Männchen an, weil der Duftstoff das Sexualsignal der Weibchen nachahmt. Sie eignen sich gut, um den Flugbeginn zu erkennen, senken den Befall aber kaum. Fallen mit Futterlockstoff wie Ammoniumbicarbonat, Diammoniumphosphat oder Torulahefe ziehen beide Geschlechter an. Nach den Ratgebern der Universität von Kalifornien fangen Flaschenfallen nach dem McPhail-Prinzip mit in Wasser gelöster Torulahefe am meisten.

Eine solche Falle lässt sich leicht nachbauen. Man nimmt eine Plastikflasche mit ein bis zwei Litern, brennt in die Schulter einige Löcher von etwa fünf Millimetern, füllt Lockflüssigkeit ein und hängt sie schattig in die Krone. Im Sommer einmal pro Woche prüfen, ob die Flüssigkeit verdunstet ist, und den Köder regelmäßig erneuern. Für einen Einzelbaum im Süden reicht oft das, zusammen mit sauber aufgesammeltem Fallobst.

Ein Kübelbaum auf einer Terrasse in Köln oder Wien braucht nach heutigem Wissen keine Falle. Mir ist kein Bericht über eine etablierte Population in Deutschland oder Österreich bekannt. Die Pflanzenschutzdatenbank EPPO führt die Schweiz zwar mit Vorkommen, stützt sich dabei aber auf Angaben von 1996 und nennt keine Region. Wer einen Baum mit Früchten aus dem Süden mitbringt, sollte die Oliven vor dem Winter abnehmen und entsorgen, denn im Herbst wandern die Larven zur Verpuppung in die Erde.

Selbstgebaute Flaschenfalle mit Lockflüssigkeit hängt im Olivenzweig

Wärmer heißt nicht überall mehr Fliegen

Man könnte meinen, der Klimawandel spiele der Fliege einfach in die Hände. Die Rechnung ist komplizierter, weil sie Hitze schlecht verträgt. Eine Modellstudie von Luigi Ponti und Kollegen (2014, PNAS) hat für das ganze Mittelmeerbecken durchgerechnet, was eine Erwärmung um 1,8 Grad für Olivenbaum und Fliege bedeutet. Im Mittel sank der Befall um 8 Prozent. In Italien und Frankreich stieg er dagegen, von 58,7 auf 64,6 Prozent befallener Früchte, besonders im Landesinneren und in höheren Lagen. In Griechenland, der Türkei und auf dem Balkan fiel er von 57,8 auf 45,5 Prozent, auf der Iberischen Halbinsel blieb er praktisch gleich. In Nordafrika und im Nahen Osten bremst die Sommerhitze die Fliege zunehmend aus.

Im Norden des Anbaugebiets kommen milde, feuchte Herbste wie am Gardasee der Fliege entgegen, und Lagen, die früher zu kalt waren, werden für sie bewohnbar. Wer in Deutschland heute Oliven pflanzt, hat das Problem noch nicht. Ob sie eines Tages den kleinen Versuchshainen in Pulheim oder am Kaiserstuhl folgt, kann derzeit niemand seriös vorhersagen. Weiter im Süden machen den Bauern ohnehin andere Dinge mehr Sorgen, vor allem Dürre, Hitze und das Bakterium Xylella.

Mit Kaolin weiß bestäubte Olivenbäume neben einem unbehandelten grünen Baum

Häufige Fragen

Kann man befallene Oliven noch essen?

Besser nicht. Befallene Früchte haben Fraßgänge, schmecken muffig, faulen schnell und eignen sich weder zum Einlegen noch für gutes Öl. Für Tafeloliven gelten deshalb sehr niedrige Toleranzen.

Wann hängt man Pheromonfallen für die Olivenfliege auf?

Spätestens im Juni, damit man den Flugbeginn mitbekommt. Futterköderfallen bleiben in Kalifornien von April bis November hängen. Der Hauptbefall kommt im Mittelmeerraum meist ab Ende Juli und zieht sich bis zur Ernte.

Gibt es die Olivenfliege in Deutschland?

Etablierte Vorkommen sind nicht bekannt. Einzelne Larven können mit Früchten an importierten Bäumen kommen, im Freiland überleben sie hier bislang nicht dauerhaft.

Was dürfen Biobetriebe gegen die Fliege einsetzen?

Spinosad-Köder, Kaolin, Kupfer und Fallen mit Lockstoffen. Synthetische Insektizide, wie früher Dimethoat, sind im Bioanbau tabu.

Quellen

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