Gary Weiand ist Chirurg in Freiburg. Anfang der 2020er Jahre ließ er 78 Olivenbäume aus Andalusien auf Lastwagen an den Kaiserstuhl bringen, manche davon rund 200 Jahre alt, und pflanzte sie in Ihringen in eine windgeschützte, nach Süden offene Senke zwischen den Weinbergterrassen. Mehrmals fiel das Thermometer dort im Winter auf minus 9,5 Grad. Die Bäume haben es überstanden. Im Sommer 2024 rechnete er nach einem Bericht der Deutschen Presse-Agentur mit rund einer Tonne Oliven, alles von Hand geerntet.
Oliven aus Deutschland gibt es also, in kleinen Mengen und an wenigen Orten. Ob sich daraus eines Tages ein Anbau mit Ertrag entwickelt, hängt weniger an den Sommern als an den Wintern.
Wo in Deutschland schon Olivenbäume im Freien stehen
Den Anfang machte Stommeln, ein Ortsteil von Pulheim etwa 15 Kilometer nordwestlich von Köln. Dort wurden seit 2008 über 170 Olivenbäume gepflanzt, und 2020 wurde zum ersten Mal Öl gepresst, aus etwas mehr als 200 Kilogramm Oliven. Die deutschsprachige Wikipedia nennt den Hain die nördlichste Olivenpflanzung Europas. Nach Angaben des Branchendienstes Clean Energy Wire ist er mit rund 250 Bäumen zugleich der größte in Deutschland. Die Zahlen gehen also je nach Stand und Quelle auseinander, und genaue Ernteangaben aus den Jahren danach habe ich nicht gefunden.
| Ort | seit | Bäume | Stand laut Quellen |
|---|---|---|---|
| Pulheim-Stommeln (NRW) | 2008 | über 170, nach anderer Quelle rund 250 | erste Pressung 2020 aus gut 200 kg Oliven |
| Ihringen am Kaiserstuhl (Baden) | Anfang der 2020er | 78, aus Andalusien | erste Pressung für 2024 geplant, Schätzung rund 1.000 kg Oliven |
| Mörbisch am See (Burgenland, Österreich) | 2016 | keine Angabe | Versuchsanbau |
| Tessin (Schweiz) | Wiederbelebung seit Ende der 1980er | knapp 7.700 (Zählung 2021) | kleine Erzeugung, eigene Öle |
Dazu kommen unzählige Einzelbäume in Gärten mit besonders günstigem Kleinklima, etwa an einer Hauswand in Weinbaulagen der Pfalz, am Oberrhein oder im Rheinland. Viele davon überleben dort Jahre, manche tragen sogar. Von einem Anbau kann man bei diesen Bäumen nicht sprechen.

Wie viel Öl aus einer Tonne Oliven wird
Weiand rechnete für Ihringen mit einer Ölausbeute von etwa 15 Prozent. Aus 1.000 Kilogramm Oliven würden dann 150 Kilogramm Öl. Weil Olivenöl leichter ist als Wasser, mit rund 0,915 Kilogramm je Liter, sind das etwa 165 Liter. Für einen Hobbybetrieb mit 78 Bäumen ist das ordentlich. Gewinn erwartet er nach eigener Aussage trotzdem kaum, eigentlich habe ihn die Schönheit der Bäume zu dem Projekt gebracht.
Je Baum gerechnet sind das gut zwölf Kilogramm Oliven. Ein gut versorgter, ausgewachsener Baum im Mittelmeerraum trägt in einem guten Jahr ein Vielfaches. Dazu kommt die Alternanz, also der Wechsel aus vollen und mageren Jahren, den Olivenbäume überall zeigen. Auch die 15 Prozent sind keine feste Größe, denn wie viele Oliven man für einen Liter braucht, hängt an Sorte, Reife und Mühle.
Dann stellt sich die Frage nach der Mühle. In Deutschland gibt es keine Ölmühle für Oliven im üblichen Sinn. Weiand erwog laut dpa, seine Oliven ins Tessin zu fahren. Das kostet Zeit, und Zeit ist bei Oliven der heikle Punkt, weil geerntete Früchte rasch an Qualität verlieren. Mit ein paar Kilo aus dem eigenen Garten greift man deshalb eher zu einer kleinen Tischpresse oder legt die Oliven gleich ein.
Frost entscheidet
Ein Olivenbaum verträgt kurze Fröste bis etwa minus 5 Grad meist ohne Schaden. Unter minus 10 Grad kann auch ein ausgewachsener Baum Schaden nehmen, je nach Dauer des Frosts, Wind, Bodenfeuchte und Sorte. Für Arbequina und Picual, die Sorten in Ihringen, nennt Weiand eine Grenze von minus 12 Grad. Das ist die Angabe eines Praktikers, unter Laborbedingungen gemessen wurde sie für seine Bäume nicht.
Welche Sorten taugen? Christakis hält einige spanische und griechische Sorten und eine italienische vom Gardasee für geeignet, ohne dass in den Berichten Namen fallen. Am Kaiserstuhl stehen Arbequina und Picual. Belastbare Vergleichsversuche unter deutschen Bedingungen gibt es bisher nicht, und jeder Hain ist damit auch ein Experiment mit offenem Ausgang.
Ein Blick in den Süden zeigt, wie schnell solche Grenzen erreicht sind. Im Tessin hat Frost den Olivenanbau 1494, 1600 und 1709 fast vollständig vernichtet. Im Februar 1956 zerstörte eine Kältewelle aus Osteuropa Millionen Olivenbäume in Südfrankreich, Italien und Spanien. In Deutschland sind Fröste unter minus 10 Grad auch in milden Lagen keine Seltenheit, selbst wenn sie mit der Erwärmung seltener werden. Ein einziger harter Winter kann zehn Jahre Pflege zunichtemachen.
Die Erwärmung hilft trotzdem. Eine Modellstudie von Luigi Ponti und Kollegen, 2014 in PNAS erschienen, rechnete für das Mittelmeerbecken bei 1,8 Grad Erwärmung mit leicht steigenden Erträgen im europäischen Teil. Der österreichische Agrarunternehmer Markus Fink von der Initiative Agro Rebels sagte dagegen der Zeitung Der Standard, die Olive stoße in Österreich an die Grenzen dessen, was das Klima zulässt. Beide Aussagen widersprechen sich weniger, als es klingt. Die Bedingungen werden besser, sie bleiben aber knapp, und ein Hain nördlich der Alpen ist auf Jahre ein Wagnis.

Olivenbaum überwintern in Deutschland
Für die meisten Olivenbäume in Deutschland stellt sich die Frage des Anbaus gar nicht, sie stehen im Kübel. ÖKO-TEST empfiehlt für den Winter einen hellen, frostfreien Platz mit 5 bis 12 Grad, etwa ein ungeheiztes Treppenhaus oder einen Wintergarten. Dauerhaft über 15 Grad stört die Winterruhe, und der Baum blüht im nächsten Jahr schlechter. Gegossen wird im Winter nur alle zwei bis drei Wochen. Ab Mitte März darf er stundenweise wieder hinaus.
Ausgepflanzte Bäume bekommen vor dem ersten Frost Vlies um Krone und Stamm, dazu Mulch über den Wurzeln. Eine Hauswand, die tagsüber Wärme speichert, bringt oft die entscheidenden ein, zwei Grad. Nässe ist für die Wurzeln gefährlicher als trockene Kälte, deshalb gehören schwere, lehmige Böden aufgelockert oder gemieden. Mit Sorte, Alter und Standort verschiebt sich die Frosthärte um mehrere Grad, und bei jungen Bäumen ist ein Platz im Haus fast immer die sicherere Art, den Olivenbaum zu überwintern.
Oliven ernten in Deutschland
Ein Olivenbaum blüht frühestens mit vier bis sechs Jahren, Früchte trägt er meist ab dem siebten. Die Blüte fällt in Deutschland in den Mai oder Juni. Viele Sorten befruchten sich selbst kaum und tragen mit einem zweiten Baum einer anderen Sorte in der Nähe deutlich besser. Woran es sonst liegt, wenn ein Baum blüht, aber keine Oliven trägt, hat meist mit Winterruhe, Licht und Bestäubung zu tun.
Reif werden die Früchte bei uns spät, im November oder Dezember, und manchmal gar nicht. Grün gepflückt schmecken sie genauso ungenießbar wie schwarz, denn frische Oliven sind wegen des Oleuropeins bitter. Bevor man sie essen kann, müssen sie in Wasser, Salzlake oder Lauge entbittert werden. Eine Handvoll vom Balkon reicht für ein Glas eingelegter Oliven, für Öl reicht sie nicht.
Rechtliche Fragen beim eigenen Öl
Einen Vorteil haben deutsche Haine bislang. Die Olivenfruchtfliege, im Mittelmeerraum der wichtigste Schädling, hat sich nördlich der Alpen nicht etabliert, und Ausbrüche von Xylella in Olivenpflanzungen sind aus Deutschland nicht bekannt. Weiand kommt nach eigener Aussage ganz ohne Pflanzenschutzmittel aus. Ob das so bleibt, wenn mehr Bäume aus dem Süden kommen, ist offen.
Für den eigenen Bedarf darf jeder Oliven anbauen und pressen. Verkauft man das Öl, gelten dieselben EU-Regeln wie für Öl aus Spanien. Olivenöl darf nur unter den Kategorien der EU-Marktordnung in den Handel kommen, also etwa als natives Olivenöl extra oder natives Olivenöl. Welche Kategorie ein Öl hat, ergibt sich aus Laborwerten und einer Verkostung durch ein anerkanntes Panel nach der Durchführungsverordnung (EU) 2022/2105. Nach Artikel 8 der Delegierten Verordnung (EU) 2022/2104 muss bei nativem Öl die Herkunft auf dem Etikett stehen. Ein deutsches Öl wäre also als Öl aus Deutschland zu kennzeichnen, und Geschmacksangaben wie fruchtig oder bitter sind nur erlaubt, wenn ein Panel sie bestätigt hat.
Beim Kauf der Bäume kommt das Pflanzengesundheitsrecht dazu. Olivenbäume aus dem Süden brauchen wegen des Feuerbakteriums Xylella fastidiosa einen Pflanzenpass mit Rückverfolgbarkeitscode. Wer einen Hain mit großen Bäumen anlegen will, sollte beim Kauf alter Olivenbäume nach Herkunft und Pass fragen und sich die Bäume vorher ansehen.
Häufige Fragen
Kann man in Deutschland Olivenöl herstellen?
Ja, in kleinen Mengen. In Pulheim-Stommeln wurde 2020 das erste Öl gepresst. Für nennenswerte Mengen fehlen bisher Fläche, Erfahrung und Ölmühlen.
Wo wachsen in Deutschland Oliven im Freien?
Vor allem in milden Lagen am Rhein und am Oberrhein, in Weinbaugebieten und in Städten mit Wärmeinsel, bevorzugt an geschützten Südwänden.
Wie lange dauert es, bis ein Olivenhain in Deutschland Ertrag bringt?
Mit jungen Bäumen zehn bis fünfzehn Jahre, schätzt der Olivenfachmann Efthimios Christakis. Wer alte Bäume pflanzt, erntet früher, zahlt aber deutlich mehr für die Bäume.
Quellen
- Tageskarte (dpa): Alles mit der Hand, badischer Olivenbauer will bald Öl pressen (Juni 2024)
- Utopia: Bald deutsches Olivenöl? Wo bereits geerntet wird (Juni 2024)
- Clean Energy Wire: Rising temperatures enable farmers to produce olive oil in Germany (2024)
- Wikipedia: Olivenbaum, Abschnitt Anbau und Verbreitung
- Wikipedia: Olive (Frostgrenzen, Erträge)
- ÖKO-TEST: Olivenbaum im Garten und auf dem Balkon
- Ponti et al. (2014): Fine-scale ecological and economic assessment of climate change on olive in the Mediterranean Basin, PNAS 111:5598
- Delegierte Verordnung (EU) 2022/2104 über Vermarktungsnormen für Olivenöl
- Durchführungsverordnung (EU) 2022/2105 über Konformitätskontrollen und Analysemethoden für Olivenöl

