Großmütter schwören darauf, Hebammen haben es lange empfohlen: ein paar Tropfen Olivenöl auf trockene Haut, fertig. Dann rieben sich 19 Freiwillige in Sheffield vier bis fünf Wochen lang einen Unterarm damit ein, und die oberste Hautschicht wurde messbar dünner und durchlässiger.
Für Lippen, Nagelhaut, raue Ellenbogen und als Massageöl ist Olivenöl trotzdem brauchbar. Als tägliche Pflege für empfindliche oder zu Neurodermitis neigende Haut eignen sich andere Öle besser, und gegen die Sonne leistet es so gut wie nichts. Warum die Vorsicht angebracht ist, hat vor allem mit einer einzigen Fettsäure zu tun.
Ölsäure lockert die Hornschicht
Olivenöl besteht nach der Handelsnorm des Internationalen Olivenrats zu 55 bis 83 Prozent aus Ölsäure, einer einfach ungesättigten Fettsäure. Linolsäure, die zweifach ungesättigte Fettsäure, liegt meist um 10 Prozent. Klassisches Sonnenblumenöl ist fast umgekehrt gebaut. Für die Haut ist dieser Unterschied wichtiger als jedes Vitamin im Öl, denn die Hornschicht braucht Linolsäure als Baustein für ihre Ceramide, die Fette, die zwischen den Hornzellen wie Mörtel zwischen Ziegeln liegen. Die genauen Anteile der Fettsäuren im Speiseöl stehen bei den Nährwerten von Olivenöl.
Freie Ölsäure macht diesen Mörtel weicher. In der Pharmazie nutzt man das bewusst: Ölsäure gilt als Penetrationsverstärker, sie hilft Wirkstoffen durch die Haut. Eine Übersichtsarbeit im International Journal of Molecular Sciences fasst 2017 zusammen, dass Ölsäure bei dauerhafter Anwendung die Barriere stören und eine Dermatitis auslösen kann. Auf der Haut spalten Bakterien und hauteigene Enzyme einen Teil der Triglyceride im Öl, so entsteht freie Ölsäure direkt dort, wo sie wirkt.
Zwei Versuche aus England
Die Gruppe um den Hautforscher Simon Danby an der Universität Sheffield veröffentlichte 2013 in Pediatric Dermatology zwei kleine randomisierte Versuche. Jeder Teilnehmer war seine eigene Kontrolle, ein Arm wurde behandelt, der andere nicht oder mit einem anderen Öl. Die erste Gruppe trug fünf Wochen lang zweimal täglich sechs Tropfen Olivenöl auf einen Unterarm auf. Die zweite nahm vier Wochen lang Olivenöl auf den einen und Sonnenblumenöl auf den anderen Arm. Unter Olivenöl nahm die Unversehrtheit der Hornschicht deutlich ab, und es trat eine leichte Rötung auf, bei Menschen mit und ohne Neurodermitis in der Vorgeschichte. Sonnenblumenöl erhielt die Hornschicht und verbesserte die Feuchtigkeit.
Die Autoren gingen weit. Von Olivenöl für trockene Haut und für die Babymassage sei abzuraten. Bei 19 Teilnehmern ist das eine kräftige Folgerung, und gemessen wurde am Unterarm, nicht im Gesicht.
Drei Jahre später folgte die OBSeRvE-Studie mit 115 gesunden Neugeborenen aus Manchester, veröffentlicht in Acta Dermato-Venereologica. Die Babys bekamen vier Wochen lang zweimal täglich Olivenöl, Sonnenblumenöl oder gar kein Öl. Beide Ölgruppen hatten danach feuchtere Haut, doch die Fettschichten der Hornschicht ordneten sich schlechter als bei den Babys ohne Öl. Beim Wasserverlust durch die Haut, beim pH-Wert und bei Rötungen gab es keine Unterschiede. Die Studie war als Pilot angelegt und zu klein für klinische Aussagen, entsprechend vorsichtig formulieren die Forscher. Was das für das Eincremen von Säuglingen bedeutet, beschreibt der Artikel Olivenöl für Babys ausführlicher.
Ganz einseitig ist die Studienlage dennoch nicht. In einer Studie von 2020 trugen Erwachsene mit trockener Haut an den Unterschenkeln zwei Wochen lang Sacha-Inchi-Öl oder Olivenöl auf, beide Öle verbesserten Feuchtigkeit und Schuppung ähnlich. Bei Neurodermitis dagegen schnitt natives Olivenöl in einem philippinischen Vergleich mit 52 Erwachsenen schlechter ab als Kokosöl, vor allem bei der Besiedlung mit Staphylococcus aureus. Eine slowenische Übersicht über klinische Studien zu Pflanzenölen kam 2022 zu dem Schluss, dass Olivenöl für Neurodermitis keine gute Wahl ist.

Wofür es taugt und wofür eher nicht
| Anwendung | Was man weiß | Praxis |
|---|---|---|
| Trockene Haut an Beinen, Ellenbogen, Füßen | kleine Studien, Wirkung ähnlich wie andere Öle | dünn auf noch feuchte Haut nach dem Duschen |
| Neurodermitis, sehr empfindliche Haut | Barriere in Versuchen geschwächt | besser linolsäurereiche Öle oder ärztlich empfohlene Pflege |
| Gesicht | keine guten Daten | bei unreiner Haut vorsichtig testen |
| Lippen | keine Studien zu Olivenöl | als Fettfilm brauchbar, hält kurz |
| Nagelhaut | keine Studien | einmassieren, harmlos |
| Wimpern | kein Beleg für Wachstum | lieber lassen |
| Massage | gleitet gut, zieht langsam ein | gut geeignet, Flecken in Textilien |
| Sonnenschutz | kein relevanter Lichtschutz | ungeeignet |
Gesicht und selbst gerührte Hautcreme
Fürs Gesicht gibt es schlicht keine aussagekräftigen Studien mit reinem Olivenöl. Bei fettiger Haut oder Pickeln zeigt sich meist nach ein paar Tagen, ob das Öl vertragen wird. In Cremes verhält sich Olivenöl anders als pur, weil Emulgatoren, Wasser und andere Fette die Wirkung auf die Hornschicht verändern. Viele Hersteller greifen deshalb lieber zu Bestandteilen der Olive, die sich anders verhalten, etwa zu Squalan, das aus Olivenöl gewonnen wird, oder zu verseiftem Öl.
Lippen und Nägel
Für rissige Lippen empfiehlt die amerikanische Dermatologengesellschaft AAD vor allem Vaseline, Mineralöl, Dimeticon, Ceramide sowie Rizinus-, Hanf- und Sheaöl. Olivenöl fehlt auf der Liste, schadet aber kaum. Es bildet einen dünnen Film, der schneller verschwindet als ein Balsam mit Wachs. Wer ein Lippenöl oder einen Lippenstift selbst rührt, mischt deshalb meist Bienenwachs dazu. Wichtiger als das Öl ist eine Gewohnheit: Lippenlecken trocknet die Haut weiter aus, weil der Speichel verdunstet.
An den Nägeln geht es eigentlich um die Nagelhaut. Ein Tropfen Olivenöl, abends eingerieben, macht sie weich und weniger rissig. Brüchige Nägel kommen allerdings oft von Wasser und Spülmittel, da hilft ein Paar Handschuhe beim Abwasch mehr als jedes Öl.
Der Wimpern-Mythos
Dass Olivenöl Wimpern länger oder dichter macht, steht in vielen Schönheitsforen. Eine Studie dazu gibt es nicht. Die Untersuchungen, die gern angeführt werden, beziehen sich auf Kopfhaar oder auf Mäuse. Öl am Lidrand kann außerdem ins Auge laufen, die Sicht verschleiern und kleine weiße Hautgrieskörnchen begünstigen. Ähnlich dünn ist die Lage beim Kopfhaar, dazu mehr bei Olivenöl in den Haaren.
Massage, Tattoo und andere Hausmittel
Als Massageöl hat Olivenöl echte Vorzüge. Es ist preiswert, gleitet gut und zieht langsamer ein als leichte Öle wie Traubenkernöl. Für eine lange Massage ist das angenehm. Natives Öl riecht allerdings deutlich nach Olive, viele nehmen deshalb ein mildes oder raffiniertes Olivenöl. Der Haken liegt in der Wäsche: Ölreste in Handtüchern oxidieren, riechen nach einigen Wochen ranzig und lassen sich bei 40 Grad kaum auswaschen.
Bei Tätowierungen kommt es auf den Zeitpunkt an. Ein frisches Tattoo ist eine offene Wunde. In den ersten Wochen gilt, was das Studio und gegebenenfalls die Hautärztin empfehlen, meist eine dünne, parfümfreie Wundsalbe. Haushaltsöl aus der angebrochenen Küchenflasche ist dort fehl am Platz. Auf einem abgeheilten Tattoo lässt Olivenöl die Farben kurz glänzen, länger halten sie davon nicht.

Sonnenschutz kann es nicht
Eine indische Laborarbeit von 2010 bestimmte Lichtschutzfaktoren von Pflanzenölen in verdünnter Lösung im Spektralphotometer. Die fetten Öle lagen zwischen 2 und 8, Olivenöl am oberen Ende. Für den Strand bedeutet das wenig. Ein Ölfilm filtert kaum UV-Licht, zumal in der hauchdünnen Schicht, die man tatsächlich aufträgt. Wer sich mit Olivenöl in die Sonne legt, verbrennt.
Die oft zitierte Arbeit stammt aus Japan. Budiyanto und Mitarbeiter bestrahlten im Jahr 2000 haarlose Mäuse wiederholt mit UVB-Licht und strichen natives Olivenöl entweder vorher oder hinterher auf. Bei den Tieren, die das Öl erst nach der Bestrahlung bekamen, entstanden im ersten Versuch im Schnitt 2,64 Hauttumoren je Maus, in der Kontrollgruppe 7,33. Öl vor der Bestrahlung brachte auf Dauer keinen Unterschied, Kamelienöl gar keinen. Die Forscher vermuten, dass Antioxidantien im Öl oxidative Schäden an der Erbsubstanz verringern. Über Menschen am Badesee sagt ein Mausversuch mit täglicher UVB-Dosis wenig.
Und bei Sonnenbrand? Zuerst kühlen, mit kaltem, fließendem Wasser oder feuchten Umschlägen, aber ohne Eis. Danach rät die AOK zu einer parfümfreien Lotion mit Panthenol. Fett auf heißer, geröteter Haut kühlt nicht, deshalb gehört Olivenöl allenfalls später auf die schuppende Haut, wenn die Rötung abgeklungen ist. Blasen, Fieber, Übelkeit oder Kreislaufbeschwerden sind ein Fall für die Arztpraxis.
Bleibt die Haut von Haustieren, nach der viele fragen. Bei schuppigem Fell oder rissigen Pfoten sollte zuerst die Tierärztin draufschauen, weil Juckreiz und Schuppen oft andere Ursachen haben. Was Olivenöl im Futter oder auf der Haut bewirkt und was nicht, behandeln die Artikel zu Hunden und Katzen.
Häufige Fragen
Ist Olivenöl gut für das Gesicht?
Dazu fehlen Studien. Bei trockener, unempfindlicher Haut spricht wenig gegen ein paar Tropfen. Bei Neurodermitis, Rosazea oder unreiner Haut ist eine milde Creme meist die bessere Wahl.
Kann man Olivenöl als Sonnenschutz verwenden?
Nein. Die Lichtschutzwerte aus dem Labor liegen im einstelligen Bereich und gelten für dicke Schichten im Glas. Auf der Haut bleibt davon praktisch kein Schutz übrig.
Hilft Olivenöl bei Sonnenbrand?
Nicht in der akuten Phase. Zuerst kühlen, dann eine leichte Lotion, zum Beispiel mit Panthenol. Öl kann später auf die schuppende Haut, wenn sie nicht mehr heiß ist.
Ist Olivenöl ein gutes Massageöl?
Ja, es gleitet gut und zieht langsam ein. Ein mildes Öl riecht weniger. Handtücher und Laken danach heiß waschen, sonst riechen sie bald ranzig.
Darf Olivenöl auf ein frisches Tattoo?
In der Heilungsphase besser nicht. Dann gilt die Pflegeanleitung des Studios. Auf einem abgeheilten Tattoo ist Olivenöl unbedenklich.
Quellen
- Danby SG et al. (2013): Effect of olive and sunflower seed oil on the adult skin barrier: implications for neonatal skin care. Pediatric Dermatology 30(1), randomisiert
- Cooke A et al. (2016): Olive Oil, Sunflower Oil or no Oil for Baby Dry Skin or Massage, OBSeRvE-Pilotstudie. Acta Dermato-Venereologica 96(3), randomisiert
- Lin TK, Zhong L, Santiago JL (2017): Anti-Inflammatory and Skin Barrier Repair Effects of Topical Application of Some Plant Oils. International Journal of Molecular Sciences, Übersicht
- Poljšak N, Kočevar Glavač N (2022): Vegetable Butters and Oils as Therapeutically and Cosmetically Active Ingredients for Dermal Use: A Review of Clinical Studies. Frontiers in Pharmacology
- Budiyanto A et al. (2000): Protective effect of topically applied olive oil against photocarcinogenesis following UVB exposure of mice. Carcinogenesis 21(11), Tierversuch
- American Academy of Dermatology: 7 dermatologists' tips for healing dry, chapped lips
- AOK Magazin: Sonnenbrand, Tipps, wie Sie die Beschwerden lindern können
- Kaur CD, Saraf S (2010): In vitro sun protection factor determination of herbal oils used in cosmetics. Pharmacognosy Research 2(1), Laborstudie
- OCL Oilseeds and fats, Crops and Lipids (2022): Tabelle Fettsäurezusammensetzung nach IOC-Handelsnorm

