Sechs Tage Apfelsaft, am siebten ab dem frühen Nachmittag nichts mehr essen, abends Bittersalz in Wasser und kurz vor dem Schlafengehen ein Glas aus Olivenöl und frisch gepresster Zitrone oder Grapefruit. Am nächsten Morgen schwimmen in der Toilette Dutzende grünlicher Kügelchen, und viele, die das zum ersten Mal sehen, sind überzeugt, dass da gerade ihre Gallensteine abgegangen sind. So läuft, mit Abwandlungen, die Leber-Galle-Reinigung ab, die in Deutschland vor allem durch die Bücher des Alternativmediziners Andreas Moritz bekannt geworden ist. Wo Olivenöl bei echten Fastenkuren seinen Platz hat, steht im Beitrag Olivenöl beim Fasten.
Die Kügelchen sind echt. Gallensteine sind sie nicht. Sie entstehen erst im Darm, aus genau dem Öl und dem Saft, die man am Abend getrunken hat.
Was in der Toilette schwimmt
2005 schickten zwei Laborärzte, C. W. Sies und J. Brooker, einen kurzen Brief an das Fachblatt The Lancet. Jemand hatte eine solche Kur gemacht, tagsüber Apfel- und Gemüsesaft, abends nichts, dann Olivenöl mit Zitronensaft. Danach gingen schmerzlos zahlreiche grüne, weiche "Steine" ab, die im Labor landeten.
Die Analyse war eindeutig. Echte Gallensteine bestehen überwiegend aus Cholesterin, manche aus Bilirubin und Kalksalzen, und sie haben eine kristalline Struktur. In den grünen Kugeln fanden die Untersucher weder Cholesterin noch Bilirubin noch Calcium, und von Kristallen keine Spur. Dafür ließen sich ähnliche Gebilde im Labor nachbauen: Ölsäure, die wichtigste Fettsäure im Olivenöl, mit Zitronensaft vermischt, ergab halbfeste Kugeln, die bei Raumtemperatur hart wurden. Die Autoren schlossen, dass die Verdauungsenzyme aus dem Öl im Darm eine Art Seife machen. Die grüne Farbe kommt von Gallenfarbstoffen, die sich auf dem Weg durch den Darm anlagern.
Weitere Beobachtungen passen dazu. Die angeblichen Steine schwimmen oben, echte Gallensteine sinken. Sie werden in der Wärme weich und zerlaufen zu einem öligen Fleck. Gibt man Lebensmittelfarbe ins Öl, findet sie sich in den Kugeln wieder. Und manche Anwender scheiden so viele davon aus, dass sie gar nicht in eine Gallenblase gepasst hätten.

Die Risiken der Kur
Für gesunde Menschen ohne Gallensteine ist die Prozedur vor allem unangenehm. Ein großes Glas Olivenöl auf leeren Magen, dazu Bittersalz, das Wasser in den Darm zieht, führt zuverlässig zu Durchfall, oft auch zu Übelkeit, Erbrechen und Bauchkrämpfen. Brent Bauer, Leiter des Programms für Komplementärmedizin an der Mayo Clinic in den USA, nennt genau diese Beschwerden und betont, dass die Reinigung nicht ohne Risiko ist.
Gefährlich wird es für Menschen, die tatsächlich Gallensteine haben. Fett regt die Gallenblase kräftig an, sich zusammenzuziehen und Galle auszustoßen. Eine große Menge Öl auf einmal kann einen Stein in den Gallengang drücken, wo er stecken bleibt. Die Folgen reichen von einer Gallenkolik über eine Entzündung der Gallenwege bis zur akuten Bauchspeicheldrüsenentzündung, wenn der Stein den gemeinsamen Ausgang von Galle und Bauchspeicheldrüse blockiert. Veröffentlichte Fallserien zu Schäden durch die Kur gibt es kaum, der Mechanismus ist aber aus der Gallensteinmedizin gut bekannt.
Ein zweites Problem ist leiser. Wer wegen wiederkehrender Koliken zur Leberreinigung greift und die grünen Kugeln als Erfolg deutet, schiebt womöglich eine nötige Behandlung auf. Bei Bittersalz, also Magnesiumsulfat, kommt hinzu, dass Menschen mit eingeschränkter Nierenfunktion das Magnesium schlecht ausscheiden. Bei Herz- und Nierenkrankheiten, in der Schwangerschaft und bei Kindern ist die Kur deshalb keine Idee für den Selbstversuch.
Olivenöl und Fettleber, die ernsthafte Frage dahinter
Hinter dem Ritual steht ein echtes Gesundheitsproblem. Die Fettleber, die Fachgesellschaften seit 2023 metabolisch bedingte Lebererkrankung nennen, abgekürzt MASLD, ist eine der häufigsten Lebererkrankungen in Europa. Sie hängt eng mit Übergewicht, Typ-2-Diabetes und Bewegungsmangel zusammen und kann über Jahre zu Entzündung, Vernarbung und Zirrhose führen. Zu Olivenöl bei Diabetes und Blutdruck gibt es deutlich mehr Forschung als zur Leber, sie ist in einem eigenen Überblick über Entzündung, Blutdruck und Diabetes zusammengefasst.
Ob Olivenöl hier etwas bewirkt, hat eine griechische Arbeitsgruppe um Georgios Tsamos 2024 in der Zeitschrift Nutrients zusammengetragen. Sie fand sieben randomisierte Studien mit etwa 520 Teilnehmern, die Mengen reichten von Kapseln mit wenigen Gramm bis zu 50 g Öl am Tag. Beim Body-Mass-Index ergab sich eine kleine Senkung um gut einen halben Punkt. Bei den Leberwerten ALT, AST und GGT, also den Enzymen, die bei geschädigten Leberzellen vermehrt ins Blut gelangen, beim Leberfett und bei den Blutfetten fand sich dagegen im Mittel keine belastbare Veränderung. Die Studien waren klein und sehr unterschiedlich angelegt, in mehreren gab es parallel eine Diätberatung, und in keiner wurde die Leber per Biopsie untersucht.
Mehr Gewicht hat die Mittelmeerkost als Ganzes. In den gemeinsamen Leitlinien der europäischen Leber-, Diabetes- und Adipositasgesellschaften von 2024 heißt es, dass diese Ernährungsweise in Beobachtungsstudien und klinischen Studien wiederholt Vorteile für Leber und Herz zeigte, teils auch ohne Gewichtsabnahme. Olivenöl ist dort ein fester Bestandteil, neben Gemüse, Hülsenfrüchten, Nüssen, Fisch und Vollkorn und mit wenig Zucker und Fertigprodukten. Für Olivenöl allein als Mittel gegen die Fettleber reicht die Datenlage nicht.

Fünf Prozent weniger Gewicht
Die Leber braucht keine Reinigungskur, weil sie selbst das Reinigungsorgan ist. Sie wandelt Alkohol, Medikamentenreste und Stoffwechselprodukte in zwei Stufen chemisch um, bis sie wasserlöslich genug sind, um über die Niere oder mit der Galle ausgeschieden zu werden. Dabei sammelt sich nichts an, was man mit einem Glas Öl herausspülen könnte. Die Galle selbst fließt ohnehin täglich, beim Gesunden jedes Mal, wenn eine fetthaltige Mahlzeit den Darm erreicht.
Belasten kann man die Leber trotzdem, vor allem mit zu viel Alkohol, zu viel Zucker und zu viel Körperfett, und entsprechend lässt sich auch etwas für sie tun. Die europäischen Leitlinien werden dabei ungewöhnlich konkret:
- Bei Übergewicht reichen dauerhaft mindestens 5 Prozent weniger Körpergewicht, um das Leberfett zu senken. 7 bis 10 Prozent bessern die Entzündung, ab 10 Prozent zeigt sich auch eine Wirkung auf die Vernarbung.
- Alkohol sollte bei Fettleber gemieden werden, bei fortgeschrittener Vernarbung oder Zirrhose ganz.
- Gesüßte Getränke hängen in Beobachtungsstudien mit einem höheren Fettleberrisiko zusammen, und zwar umso stärker, je mehr davon getrunken wird.
- Wer sich mehr bewegt, hat in Studien seltener eine Fettleber.
- Kaffee, mit oder ohne Koffein, geht in Beobachtungsstudien mit weniger Vernarbung einher. Ein Beweis für Ursache und Wirkung ist das nicht.
Pflanzliche Mittel und Nahrungsergänzungen empfehlen die Leitlinien ausdrücklich nicht, weil ihre Wirksamkeit und Sicherheit nicht ausreichend belegt sind. Das betrifft auch beliebte Mittel wie Mariendistelkapseln.
Für die Waage ist Olivenöl dabei kein Freifahrschein, ein Esslöffel hat 120 kcal. Dass olivenölreiche Kost in Studien trotzdem nicht dick machte, lag daran, dass das Öl andere Fette ersetzte, und genau darauf kommt es beim Abnehmen mit Olivenöl an.
Zitrone und Olivenöl im Alltag
Die Kombination selbst ist ja nichts Schlechtes. Zitronensaft und Olivenöl ergeben, mit Salz und etwas Senf, das einfachste Salatdressing der Mittelmeerküche, und eine Vinaigrette funktioniert mit Zitrone ebenso gut wie mit Essig. Auch im Kuchenteig kann Olivenöl die Butter ersetzen, und gerade ein Zitronenkuchen verträgt das Backen mit Olivenöl gut.
Im Netz kursieren außerdem Kaffee mit Olivenöl und Zitrone als Abnehmtrunk, Feigen in Olivenöl als Leberkur und Rezepte mit Salz und Zitrone für den Morgen. Für keine dieser Mischungen gibt es Untersuchungen an Menschen, die eine Wirkung auf Leber oder Gewicht zeigen. Geschmacklich muss man den Kaffee mit Zitrone ohnehin mögen.
Als Shot am Morgen, mit Zitrone, Ingwer oder Zimt, wird die Mischung oft mit der Leber in Verbindung gebracht. Studien, die einen solchen Shot an Leberwerten oder Leberfett messen, gibt es nicht. Was über den Löffel Olivenöl pur am Morgen bekannt ist, betrifft eher Sättigung und Geschmack. Ein Esslöffel mit Zitrone schadet gesunden Menschen nicht. Ein Glas voll, auf nüchternen Magen, ist dagegen genau die Dosis, die bei Gallensteinen Ärger machen kann.
Häufige Fragen
Sind die Steine nach der Leberreinigung echte Gallensteine?
Nein. Laboranalysen fanden darin weder Cholesterin noch Bilirubin noch Kalk. Es sind Seifenkügelchen aus dem getrunkenen Öl, die sich im Darm bilden und von Gallenfarbstoffen grün gefärbt werden.
Ist Olivenöl gut für die Leber?
Als Teil einer Mittelmeerkost ist es ein sinnvoller Baustein. Allein senkte es in Studien bei Fettleber weder die Leberwerte noch das Leberfett messbar.
Kann ich mit Olivenöl und Zitrone Gallensteine loswerden?
Nein. Bei bekannten Gallensteinen kann eine große Menge Öl eine Kolik auslösen. Beschwerden durch Gallensteine gehören in ärztliche Behandlung, in der Regel wird bei wiederkehrenden Koliken die Gallenblase entfernt.
Quellen
- Sies CW, Brooker J (2005): Could these be gallstones? The Lancet 365:1388 (Leserbrief, Fallbericht)
- Quackwatch: Liver and gallbladder flushes, Zusammenstellung der Befunde zu den ausgeschiedenen Kugeln
- Full Fact: Gallbladder flushes, Faktencheck mit Aussagen von Brent Bauer, Mayo Clinic
- Tsamos G et al. (2024): The effects of olive oil consumption on biochemical parameters and body mass index of people with nonalcoholic fatty liver disease: a systematic review and meta-analysis of randomized controlled trials. Nutrients 16(6):857
- EASL, EASD, EASO (2024): Clinical Practice Guidelines on the management of metabolic dysfunction-associated steatotic liver disease (MASLD). Obesity Facts

