Ein halber Esslöffel Olivenöl und das Gehirn

Ältere Hand zeichnet ein Zifferblatt mit Uhrzeigern auf Papier

Ein Blatt Papier, ein Stift und die Bitte, eine Uhr mit allen Ziffern zu zeichnen und die Zeiger auf eine bestimmte Uhrzeit zu stellen. Mit diesem einfachen Test und einem kurzen Fragebogen haben spanische Neurologen untersucht, ob Olivenöl das Denken im Alter beeinflusst. Teilnehmer, die jahrelang eine Mittelmeerdiät mit nativem Olivenöl extra gegessen hatten, schnitten etwas besser ab.

Der Vorsprung war klein, und so geht es dem ganzen Feld. Zum Thema Olivenöl und Gehirn gibt es viele Schlagzeilen und wenige harte Daten. Aus der spanischen PREDIMED-Studie stammen zwei randomisierte Auswertungen, aus den USA eine große Beobachtungsstudie zur Demenzsterblichkeit von 2024. Die Hinweise auf Oleocanthal und Alzheimer beruhen dagegen fast nur auf Versuchen mit Mäusen und Zellkulturen.

Uhrentest und Mini-Mental-Status in Navarra

Navarra war eines der Studienzentren der PREDIMED-Studie, in der ältere Spanier per Los eine Mittelmeerdiät mit Olivenöl, eine mit Nüssen oder eine fettarme Kontrollkost bekamen. Die Neurologin Elena Martínez-Lapiscina testete dort 522 Teilnehmer, nachdem sie im Mittel 6,5 Jahre lang der zugeteilten Ernährung gefolgt waren. Bei der Testung waren sie im Schnitt fast 75 Jahre alt, mit hohem Gefäßrisiko. Gemessen wurde mit dem Mini-Mental-Status-Test und dem Uhrentest, zwei kurzen Standardverfahren. Wer zu welcher Gruppe gehörte, wussten die Untersucher nicht. Erschienen ist die Arbeit 2013 im Journal of Neurology, Neurosurgery and Psychiatry.

Die Olivenölgruppe lag im Mini-Mental-Status-Test 0,62 Punkte über der Kontrollgruppe, im Uhrentest 0,51 Punkte. Auch die Nussgruppe schnitt etwas besser ab. Der Mini-Mental-Status-Test hat 30 Punkte. Einen Unterschied von gut einem halben Punkt bemerkt im Alltag niemand, über viele Menschen gemittelt kann er trotzdem etwas bedeuten.

Im selben Jahr legte das Team eine zweite Auswertung nach, im Journal of Nutrition, Health and Aging. Bei einer Zufallsstichprobe von 285 Teilnehmern bestimmten zwei Neurologen den kognitiven Status. In der Olivenölgruppe hatten weniger Menschen eine leichte kognitive Beeinträchtigung als in der Kontrollgruppe, die Odds Ratio betrug 0,34. In der Nussgruppe fand sich kein Unterschied, und bei den meisten einzelnen Denkbereichen waren die Unterschiede nicht signifikant.

Beide Arbeiten haben dieselbe Schwachstelle. Gemessen wurde nur am Ende, nicht zu Beginn, und ob die Gruppen schon vorher unterschiedlich gut abschnitten, bleibt unbekannt. Bei echter Zufallszuteilung sollte das keine Rolle spielen. Gerade die war in PREDIMED aber nicht überall sauber.

Ältere Hand zeichnet ein Zifferblatt mit Uhrzeigern auf Papier

Barcelona misst zweimal

Sorgfältiger angelegt war eine Arbeit aus Barcelona, die 2015 in JAMA Internal Medicine erschien. Cinta Valls-Pedret nahm 447 geistig gesunde PREDIMED-Teilnehmer mit einem Durchschnittsalter von 67 Jahren und testete sie zu Beginn und am Ende. Nach im Mittel 4,1 Jahren lagen für 334 von ihnen beide Messungen vor. Die Tests deckten Gedächtnis, Aufmerksamkeit und Planungsfähigkeit ab und wurden zu drei Sammelwerten zusammengefasst.

Sammelwert Olivenöl Nüsse Kontrolle
Gedächtnis +0,04 +0,09 (signifikant) -0,17
Frontale Funktionen (Aufmerksamkeit, Planung) +0,23 (signifikant) +0,03 -0,33
Gesamtwert +0,05 (signifikant) -0,05 -0,38

Die Werte sind standardisierte Veränderungen gegenüber dem Ausgangswert, signifikant bedeutet einen statistisch gesicherten Unterschied zur Kontrollgruppe. In der Kontrollgruppe ließen alle drei Werte nach, so wie man es im Alter erwartet. In den beiden Mittelmeergruppen blieben sie ungefähr stabil. Allerdings unterschieden sich von den einzelnen Tests nur zwei zwischen Olivenöl- und Kontrollgruppe, und ein Viertel der Teilnehmer fehlte bei der zweiten Messung. Die Autoren sprechen deshalb vorsichtig von einem Zusammenhang mit besserer Denkleistung, und mehr geben die Daten auch nicht her.

Seltsam wirkt die Verteilung. Beim Gedächtnis lag die Nussgruppe vorn, bei Aufmerksamkeit und Planung die Olivenölgruppe. Dass Nüsse das eine und Öl das andere stärken, ist biologisch wenig plausibel. Eher hat die Ernährung als Ganzes gewirkt, und die Unterschiede zwischen den beiden Mittelmeergruppen sind Zufall. Für die Frage nach dem Olivenöl allein ist das eine erhebliche Einschränkung.

Demenz auf dem Totenschein

Die größte Datenbasis kommt aus Boston. Anne-Julie Tessier und Marta Guasch-Ferré werteten die Nurses' Health Study und die Health Professionals Follow-up Study aus, insgesamt 92.383 Erwachsene über 28 Jahre. In dieser Zeit starben 4.751 von ihnen mit Demenz. Wer mindestens 7 Gramm Olivenöl am Tag aß, also etwa einen halben Esslöffel, hatte ein um 28 Prozent niedrigeres Risiko, mit Demenz zu sterben, als Menschen, die nie oder selten Olivenöl verwendeten. Veröffentlicht wurde das 2024 in JAMA Network Open.

Zwei Details heben die Studie von vielen anderen ab. Die Forscher berücksichtigten das Gen APOE4, den stärksten bekannten genetischen Risikofaktor für Alzheimer, und das Ergebnis blieb gleich. Zudem hing der Zusammenhang nicht davon ab, wie gesund sich jemand sonst ernährte. In den Ersatzrechnungen war Olivenöl statt Margarine und Mayonnaise mit einem um 8 bis 14 Prozent geringeren Risiko verbunden. Gegenüber Butter oder anderen Pflanzenölen fand sich kein gesicherter Unterschied.

Es bleibt eine Beobachtungsstudie. Erfasst wurden Todesfälle mit Demenz laut Totenschein und keine Demenzdiagnosen. Außerdem dürfte Olivenöl in den USA der 1990er Jahre eher in gebildeten, gesundheitsbewussten Haushalten gestanden haben, und das gleicht eine statistische Bereinigung nur teilweise aus.

Illustration von Nervenzellen in Blau und Grün neben einem Tropfen Olivenöl

Gefäße, Amyloid und ein paar Mäuse

Dass man beim Gehirn überhaupt an Olivenöl denkt, hat zwei Gründe. Der erste liegt in den Gefäßen. Bluthochdruck, Diabetes und Arteriosklerose schädigen auch die kleinen Gefäße im Gehirn, und vaskuläre Schäden sind nach Alzheimer die häufigste Ursache einer Demenz. Wenn eine Ernährung Herz und Gefäße entlastet, liegt nahe, dass auch das Gehirn etwas davon hat. Wie belastbar die Herzdaten zum Olivenöl tatsächlich sind, ist im Überblick zu Olivenöl und Herz-Kreislauf nachzulesen.

Der zweite Grund sind Eiweißablagerungen. Bei Alzheimer sammelt sich Beta-Amyloid zwischen den Nervenzellen, in ihnen verändertes Tau-Protein. Einige Polyphenole aus Olivenöl beeinflussen diese Ablagerungen im Labor, allen voran Oleocanthal. Viele Berichte über Olivenöl und Alzheimer gehen auf die Arbeitsgruppe von Amal Kaddoumi zurück, früher an der University of Louisiana at Monroe, heute an der Auburn University. Was dort untersucht wurde, lohnt einen genauen Blick.

  • In einer Arbeit von 2013 in ACS Chemical Neuroscience (Erstautor Abuznait) bekamen gesunde Mäuse aus Olivenöl gewonnenes Oleocanthal. Danach verließ markiertes Beta-Amyloid ihr Gehirn schneller, der Abtransport über die Blut-Hirn-Schranke war beschleunigt. Zellkulturen aus Hirngefäßen zeigten dasselbe.
  • 2015 fütterte die Gruppe im Journal of Nutritional Biochemistry (Erstautor Qosa) Mäuse mit einer genetisch erzeugten Alzheimer-ähnlichen Erkrankung sechs Monate lang mit nativem Olivenöl extra. Begann das Futter vor dem Einsetzen der Ablagerungen, sanken Amyloid und Tau im Gehirn, und die Tiere schnitten in Verhaltenstests besser ab. Begann es später, sank zwar das Amyloid, die Denkleistung der Mäuse besserte sich aber nicht.

Saubere Laborbefunde, nur sagen sie über Menschen wenig. In der Medikamentenentwicklung haben Alzheimer-Mausmodelle oft schlecht vorhergesagt, was beim Menschen passiert, und die Dosierungen lassen sich nicht einfach auf zwei Esslöffel Öl umrechnen. Klinische Studien mit Oleocanthal oder polyphenolreichem Olivenöl bei Menschen mit beginnender Alzheimer-Erkrankung gibt es bisher nur in kleinem Maßstab.

Der Dämpfer durch die MIND-Studie

2023 erschien im New England Journal of Medicine ein Ergebnis, das die Erwartungen an Ernährungsstudien zum Gehirn generell bremst. Lisa Barnes und ihr Team testeten die MIND-Diät, eine Mischung aus Mittelmeer- und Blutdruckdiät mit Olivenöl als Hauptfett. 604 ältere Menschen mit Übergewicht und Demenzfällen in der Familie folgten drei Jahre lang entweder der MIND-Diät oder einer Kontrollkost, beide mit leichter Kalorienreduktion. Die Denkleistung verbesserte sich in beiden Gruppen. Einen Unterschied zwischen ihnen gab es nicht, auch im Hirn-MRT nicht.

Fügt man alles zusammen, ergibt sich ein gemischtes Bild. Die randomisierten PREDIMED-Daten deuten auf kleine Vorteile, stammen aber aus Teilstichproben einer Studie mit Randomisierungsproblemen. Die Beobachtungsdaten sind groß und stimmig, belegen aber keine Ursache. Im Tierversuch sind die Mechanismen plausibel. Eine Studie, die beim Menschen zeigt, dass Olivenöl Demenz abwendet oder hinauszögert, fehlt. Als Teil einer gefäßfreundlichen Ernährung ist Olivenöl vernünftig, als Mittel gegen Vergesslichkeit taugt es nach heutigem Wissen nicht. Was über Blutdruck und Diabetes, zwei der wichtigsten Gefäßrisiken, bekannt ist, fasst der Text zu Olivenöl bei Entzündung, Blutdruck und Diabetes zusammen.

Häufige Fragen

Schützt Olivenöl vor Alzheimer?

Belegt ist das nicht. In Beobachtungsstudien starben Olivenölesser seltener mit Demenz, und in Mausversuchen gingen Alzheimer-typische Ablagerungen zurück. Einen Schutz beim Menschen hat keine Studie nachgewiesen.

Was zeigte PREDIMED zum Gedächtnis?

In zwei Auswertungen schnitten Teilnehmer mit Mittelmeerdiät und Olivenöl in einigen Denktests etwas besser ab als die Kontrollgruppe. Die Unterschiede waren klein und nicht in allen Tests vorhanden.

Wie viel Olivenöl war in der US-Studie günstig?

Schon ab etwa 7 Gramm am Tag, einem halben Esslöffel, war das Risiko, mit Demenz zu sterben, um 28 Prozent niedriger als bei Menschen, die kaum Olivenöl verwendeten.

Ist Oleocanthal beim Menschen untersucht?

Kaum. Die bekannten Befunde zu Oleocanthal und Beta-Amyloid stammen aus Zellkulturen und Mäusen.

Quellen

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