Van Goghs Olivenbäume

Olivenhain am Fuß der Alpilles bei Les Baux mit Kalkfelsen im Hintergrund

Im November 2017 entdeckten Restauratoren im Nelson-Atkins Museum in Kansas City einen toten Grashüpfer in einem Gemälde. Er steckt in der Farbe eines Olivenhains, den Vincent van Gogh im Juni 1889 unter freiem Himmel in der Provence gemalt hatte. Vermutlich landete das Tier auf der nassen Leinwand und kam nicht mehr los. Der kleine Fund erinnert daran, wie diese Bilder entstanden sind: draußen, im Wind, zwischen den Bäumen.

Mindestens 15 Bilder von Olivenbäumen hat van Gogh 1889 gemalt, die meisten in der Umgebung von Saint-Rémy-de-Provence. Sie hängen heute verstreut von Amsterdam bis São Paulo. Zum ersten Mal versammelt waren viele von ihnen 2021 und 2022 in einer Ausstellung, die das Dallas Museum of Art und das Van Gogh Museum gemeinsam ausrichteten. In Amsterdam war sie ab dem 11. März 2022 zu sehen.

Ein Jahr hinter den Mauern von Saint-Paul

Im Mai 1889 ließ sich van Gogh auf eigenen Wunsch in die Heilanstalt Saint-Paul-de-Mausole bei Saint-Rémy aufnehmen. Wenige Monate zuvor hatte er sich in Arles nach dem Streit mit Paul Gauguin einen Teil des Ohrs abgeschnitten. Er blieb ein Jahr, bis Mai 1890, und malte in dieser Zeit rund 150 Bilder. Zuerst malte er vor allem im ummauerten Garten der Anstalt, später auch in den Feldern und Hainen davor, am Fuß der Alpilles, einer kleinen, felsigen Bergkette.

Die Ölbäume kannte er schon aus Arles. Am 28. April 1889, kurz vor dem Umzug, schrieb er seinem Bruder Theo, das Rauschen eines Olivenhains habe etwas sehr Vertrautes und unendlich Altes. In den Briefen der folgenden Monate kehren die Bäume immer wieder. Er klagt, wie schwer sie zu fassen seien, beschreibt das Silbergrau der Blätter, das je nach Himmel ins Blaue, Grüne oder fast Weiße kippt.

Gemalt hat er sie in mehreren Schüben. Im Juni entstanden die ersten Haine, darunter das Bild mit dem Grashüpfer und eines vor den Bergen der Alpilles, das heute im Museum of Modern Art in New York hängt. Van Gogh selbst meldete Theo, er habe eine Landschaft mit Ölbäumen und eine neue Studie eines Sternenhimmels gemacht. Die Sternennacht und die Olivenbäume schickte er nach dem Trocknen zusammen nach Paris, und Kunsthistoriker lesen das Olivenbild bis heute als ihr Gegenstück bei Tag.

Olivenhain am Fuß der Alpilles bei Les Baux mit Kalkfelsen im Hintergrund

Der Ärger über Christus im Ölgarten

Im Herbst 1889 bekam die Serie einen zweiten Anstoß, und der war ein Ärgernis. Gauguin und Émile Bernard, mit denen van Gogh befreundet war, hatten beide Christus im Garten Getsemani gemalt, also im Ölgarten am Fuß des Ölbergs. Van Gogh war von diesen Bildern nicht begeistert. An Theo schrieb er, da sei nichts beobachtet. Bernard gegenüber wurde er deutlicher und nannte dessen Bild einen Albtraum. Er solle wieder mehr er selbst werden. Gelobt wird im selben Brief Corot, der einen Ölgarten mit Christus nach der Natur gemalt habe.

Die Antwort gab er mit dem Pinsel. Um den 26. November 1889 meldete er Bernard, er habe gerade fünf große Leinwände mit Olivenbäumen fertig, im Format Nummer 30, etwa 73 mal 92 Zentimeter. Sie zeigen keine biblische Szene, nur Bäume, Erde, Himmel, manchmal eine gelbe Sonne oder einen orangefarbenen Abendhimmel. Gemessen an den religiösen Bildern seiner Freunde nannte er die eigenen Arbeiten eine ziemlich harte und grobe Wirklichkeit. Gemeint war das als Lob.

Wie viel Bibel trotzdem in diesen Bäumen steckt, darüber lässt sich streiten. Van Gogh war Pfarrerssohn und hatte selbst einmal Prediger werden wollen. Der Ölgarten, in dem Jesus vor seiner Verhaftung betete, war ihm vertraut. Getsemani heißt übersetzt Ölpresse, und welche Rolle Ölbaum und Öl in den Religionen des Mittelmeers spielen, beschreibt der Beitrag über Olive und Olivenöl in Judentum, Christentum und Islam.

Die Olivenpflückerinnen

Im Dezember 1889 war in den Hainen um Saint-Rémy Erntezeit. Van Gogh malte die Arbeit gleich dreimal, Frauen auf Leitern und am Boden, die Oliven von den Zweigen streifen und in Körben sammeln. Die erste Fassung entstand vor Ort, in kräftigen, dunkleren Tönen, sie hängt heute im Goulandris-Museum in Athen. Die zweite, die am stärksten stilisierte, war für seine Mutter und seine Schwester gedacht. Die dritte malte er im Atelier in einer, wie er schrieb, sehr zurückhaltenden Farbskala, sie gehört der National Gallery of Art in Washington.

Der Erntezeitpunkt auf diesen Bildern stimmt mit der Praxis in der Provence bis heute überein. Gepflückt wird im Süden Frankreichs im Spätherbst und Winter, für ein grünes, bitteres Öl früher, für ein mildes später. Warum dieser Zeitpunkt den Geschmack so stark bestimmt, erklärt der Text über den Erntezeitpunkt beim Olivenöl. Die Frauen auf van Goghs Bildern pflücken von Hand, eine Arbeit, die in kleinen Hainen bis heute so aussieht.

Zur zweiten Fassung gibt es eine Geschichte, die bis vor Gericht reicht. Das Bild gehörte in den 1930er Jahren einem jüdischen Ehepaar in Deutschland, Hedwig und Frederick Stern, die 1936 mit sechs Kindern flohen. 1938 wurde es verkauft, der Erlös ging an den Staat. Später besaß es Vincent Astor, dessen Witwe es 1956 dem Metropolitan Museum verkaufte. Das Museum verkaufte es 1972 weiter. Nachfahren der Sterns klagten 2022 und 2025.

Frau pflückt auf einer Leiter Oliven in einem Olivenhain

Wo die Olivenbäume heute hängen

Wer van Goghs Olivenbilder sehen möchte, muss reisen. Eine Auswahl der Bilder mit festem Standort:

  • Van Gogh Museum, Amsterdam: mehrere Fassungen, darunter Olivenbäume mit hellblauem Himmel (Juni 1889) und ein großer Olivenhain vom Spätherbst
  • Kröller-Müller Museum, Otterlo: ein Olivenhain vom Juni 1889 und ein Hain mit zwei Pflückern
  • Museum of Modern Art, New York: Olivenbäume in einer Berglandschaft, das Gegenstück zur Sternennacht
  • Nelson-Atkins Museum, Kansas City: der Olivenhain mit dem Grashüpfer
  • Minneapolis Institute of Art: Olivenbäume mit gelbem Himmel und Sonne
  • Metropolitan Museum of Art, New York: ein Olivenhain vom November 1889
  • Kunstmuseum Göteborg: Olivenhain mit orangefarbenem Himmel
  • National Galleries of Scotland, Edinburgh: Olivenbäume vom November 1889
  • National Gallery of Art, Washington, und Goulandris-Museum, Athen: je eine Fassung der Olivenernte

Einige Bilder sind in Privatbesitz und nur selten zu sehen. In Saint-Rémy selbst hängt kein Original. Dafür kann man das Kloster Saint-Paul-de-Mausole besuchen, das bis heute eine psychiatrische Klinik beherbergt, und durch die Haine am Fuß der Alpilles laufen. Wer in der Gegend unterwegs ist, kommt an Ölmühlen vorbei, die zur Erntezeit Besucher empfangen. Hinweise dazu sammelt der Beitrag über Ölmühlen und Olivenöl-Museen.

Renoir in Cagnes, Braque in L'Estaque

Van Gogh war nicht der einzige Maler, der sich an Olivenbäumen abarbeitete, aber kaum einer hat ihnen eine ganze Serie gewidmet. Pierre-Auguste Renoir kaufte am 28. Juni 1907 das Anwesen Les Collettes in Cagnes-sur-Mer, drei Hektar mit einem jahrhundertealten Olivenhain, Orangenbäumen und einem Bauernhaus. Er verbrachte dort seine letzten Jahre, malte die Bäume immer wieder, und seit 1960 ist das Haus ein Museum, die Ölbäume stehen noch. Wie alt sie wirklich sind, sagt niemand genau, und das hat Gründe, denn das Alter eines Olivenbaums lässt sich ohne Jahresringe im hohlen Stamm nur schätzen.

Georges Braque malte 1906 in L'Estaque bei Marseille einen Olivenbaum in grellen, ungemischten Farben, in der Manier der Fauves. Von dem Motiv gibt es mindestens vier Fassungen. Eine davon wurde im Mai 2010 aus dem Musée d'Art Moderne de la Ville de Paris gestohlen, zusammen mit Werken von Picasso, Matisse, Modigliani und Léger, und gilt seitdem als verschollen.

Was diese Bilder von van Goghs Hainen unterscheidet, sieht man sofort. Bei Renoir sind die Bäume weich, fast aufgelöst im Licht. Bei Braque werden sie zur Farbfläche. Bei van Gogh winden sich die Stämme, die Erde bewegt sich in Wellen, und die Bäume wirken lebendiger als die Menschen zwischen ihnen. Er hat sie nicht als Kulisse gemalt.

Häufige Fragen

Wie viele Olivenbaum-Bilder hat van Gogh gemalt?

Mindestens 15, fast alle 1889 in Saint-Rémy-de-Provence, dazu drei Bilder von der Olivenernte im Dezember 1889.

Wo hängt van Goghs Landschaft mit Olivenbäumen?

Das bekannteste Bild, Olivenbäume in einer Berglandschaft vom Juni 1889, gehört dem Museum of Modern Art in New York. Weitere Fassungen sind in Amsterdam, Otterlo, Kansas City, Minneapolis, Göteborg, Edinburgh und Washington.

Warum malte van Gogh so viele Olivenbäume?

Er lebte ein Jahr in der Anstalt von Saint-Rémy, umgeben von Olivenhainen, und fand die Bäume schwer zu malen. Im Herbst 1889 wollte er außerdem seinen Freunden Gauguin und Bernard zeigen, dass man den Ölgarten nach der Natur malen kann.

Was ist auf van Goghs Bildern von der Olivenernte zu sehen?

Frauen auf Leitern und am Boden, die Oliven von Hand pflücken und in Körbe sammeln, gemalt im Dezember 1889 in drei Fassungen.

Stimmt es, dass in einem Bild ein Insekt steckt?

Ja. Im Olivenhain vom Juni 1889 im Nelson-Atkins Museum fanden Restauratoren 2017 einen toten Grashüpfer in der Farbe.

Quellen

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