Olivenbaum schneiden, ohne die Oliven mit abzuschneiden

Olivenzweig mit altem grauem Holz und hellem Vorjahrestrieb mit Blütenknospen

Die kurze Antwort: Einen Olivenbaum schneidet man in Deutschland, Österreich und der Schweiz im April oder Anfang Mai, wenn er aus dem Winterquartier kommt und keine Nachtfröste mehr zu erwarten sind. Man nimmt ganze Äste heraus, statt rundherum die Spitzen zu kappen. Und man schneidet weniger, als man sich zutraut.

Der Grund für die Zurückhaltung steckt im Holz. Blüten und Oliven wachsen an den Trieben, die im Vorjahr gebildet wurden. Eine Heckenschere, die einmal ringsum über die Krone fährt, nimmt genau diese Triebe weg.

April oder Mai, und nie vor dem Frost

In Andalusien oder Apulien wird nach der Ernte geschnitten, also zwischen Dezember und März. Dort ist das ein kalkulierbares Risiko. Nördlich der Alpen sieht es anders aus. Eine frische Schnittwunde ist eine offene Stelle in der Rinde, und wenn darauf eine Frostnacht folgt, trocknet der Ast an dieser Stelle gern zurück. Ein australischer Leitfaden, der sich auf das Schnitthandbuch des Internationalen Olivenrats stützt, rät deshalb in frostgefährdeten Lagen ausdrücklich vom Winterschnitt ab: Die ungeschnittene Krone schirmt den Baum ab.

Für einen Kübelbaum in Mitteleuropa ergibt sich daraus ein einfacher Kalender.

  • Hauptschnitt nach dem Ausräumen aus dem Winterquartier, meist zwischen Mitte April und Mitte Mai, vor der Blüte.
  • Ein kleiner Korrekturschnitt im Frühsommer, etwa Ende Juni, wenn sich zeigt, welche Zweige den Winter nicht überlebt haben.
  • Vor dem Einräumen im Herbst nur abgebrochene oder vertrocknete Triebe entfernen und den Baum notfalls so weit einkürzen, dass er durch die Tür passt.

Ein zweites Argument für trockenes, warmes Wetter kommt aus Kalifornien. Die Universität dort beschreibt den Olivenknoten, eine Bakterienkrankheit mit dem Erreger Pseudomonas savastanoi. Die Bakterien brauchen eine Öffnung, um in den Baum zu kommen: Blattnarben, Frostrisse und eben Schnittwunden. Verbreitet werden sie mit Wasser. Die Empfehlung dort lautet, in der Trockenzeit zu schneiden und die Schere bei Schnitten zu anderen Zeiten häufig zu desinfizieren. Für den Garten folgt daraus: einen trockenen Tag wählen, an dem für die nächsten Tage kein Dauerregen gemeldet ist.

Woran man das Fruchtholz erkennt

Die Triebe vom letzten Jahr sind dünner und glatter als das ältere Holz, die Rinde ist noch grünlich bis hellgrau, und an ihnen sitzen die Blätter dicht. In den Blattachseln dieser Triebe werden die Blütenknospen angelegt, schon im Vorjahr. Ein Handout der UC Master Gardeners sortiert die Olive deshalb in die Gruppe der Obstgehölze, die am einjährigen Holz tragen.

Plantura fasst die Folge in einem Satz zusammen, den man sich merken kann: Je stärker die einjährigen Triebe eingekürzt werden, desto weniger Blüten und Früchte gibt es. Für einen Baum, der vor allem schön aussehen soll, ist das egal. Wer im Herbst ein paar eigene Oliven sehen möchte, lässt einen guten Teil dieser Triebe ungekürzt stehen.

Olivenzweig mit altem grauem Holz und hellem Vorjahrestrieb mit Blütenknospen

Auslichten statt stutzen

Gärtner unterscheiden zwei Arten von Schnitten. Beim Auslichten nimmt man einen Zweig an seinem Ursprung ganz heraus oder kürzt einen Ast auf einen Seitenast zurück, der mindestens ein Drittel so dick ist wie das entfernte Stück. Beim Stutzen dagegen schneidet man irgendwo mitten im Trieb ab. Das Handout aus Kalifornien beschreibt die Reaktion darauf: Der Baum antwortet mit einem Schwall kräftiger, senkrecht wachsender Triebe. Beim Olivenbaum sind das die langen, dünnen Ruten, die nach zwei Jahren eine dichte, schattige Kugel ergeben.

Ein Schnitt im Frühjahr läuft am besten in dieser Reihenfolge ab:

  1. Zwei Schritte zurücktreten und die Krone von allen Seiten ansehen. Wo ist sie zu dicht, welcher Ast stört die Form?
  2. Totes Holz herausnehmen. Vertrocknete Triebe erkennt man an brauner, rissiger Rinde und daran, dass sie beim Biegen brechen.
  3. Austriebe am Stamm und aus der Wurzel entfernen, möglichst glatt am Ansatz.
  4. Zweige wegnehmen, die nach innen wachsen oder sich mit anderen kreuzen und scheuern.
  5. Zu lange Leitäste auf einen nach außen weisenden Seitenast zurücksetzen. So wird der Baum niedriger, ohne dass ein Besen aus Neutrieben entsteht.
  6. Noch einmal zurücktreten. Oft reicht es an dieser Stelle schon.

Als grobe Grenze gilt in vielen Ratgebern, in einem Jahr nicht mehr als ein Viertel bis ein Drittel der Blattmasse zu entfernen. Eine feste Regel aus Versuchen gibt es für Kübelbäume nicht. Für Bäume im Feld gibt es aber einen Hinweis darauf, was starkes Schneiden kostet.

Ein Versuch aus Umbrien

An der Universität Perugia schnitt eine Gruppe um Tombesi zehnjährige Bäume der Sorte Frantoio, in Vasenform erzogen und im Abstand von fünf mal fünf Metern gepflanzt, leicht, mittel oder stark, und zwar jährlich, alle zwei oder alle drei Jahre. Bei jährlichem Schnitt trugen die leicht geschnittenen Bäume im Auswertungsjahr 1998 rund 20,8 Kilogramm Oliven, die mittel geschnittenen 11,5 und die stark geschnittenen 6,9 Kilogramm. Wurde nur alle zwei oder drei Jahre geschnitten, lagen leichter und mittlerer Schnitt über 20 Kilogramm, der starke bei etwa 17. Den Forschern ging es eigentlich um die Rüttelmaschine, die an stark geschnittenen Bäumen mehr Früchte herunterholte. Für den Hobbygärtner bleibt trotzdem eine klare Zahl hängen. Es ist ein einzelnes Jahr mit hohem Behang, die Größenordnung des Unterschieds ist aber deutlich.

Die Vasenform aus dem Olivenhain

Im traditionellen Olivenhain steht der Baum meist als offene Vase. Aus einem kurzen Stamm wachsen drei bis fünf gleichmäßig verteilte Leitäste schräg nach außen, die Mitte bleibt frei. Licht und Luft kommen so bis in das Innere der Krone, und das ist der eigentliche Zweck: In den beschatteten Teilen eines Olivenbaums bilden sich kaum Früchte. Die Gabelung setzt das Handbuch des Olivenrats auf etwa 60 bis 75 Zentimeter über dem Boden, höher angesetzte Kronen bringen dort weniger Ertrag.

Wichtig für junge Bäume ist die Geduld. Der australische Leitfaden empfiehlt, mit dem eigentlichen Formschnitt bis nach der ersten nennenswerten Ernte zu warten und vorher nur Triebe unterhalb von etwa einem halben Meter zu entfernen. Starker Schnitt in den ersten Jahren bremst das Wachstum, verzögert den ersten Ertrag und verkleinert die ersten Ernten. Die Vasenform entsteht deshalb über mehrere Jahre, mit jeweils wenigen Schnitten.

Alter Olivenbaum mit kurzem Stamm, vier Leitästen und offener Krone

Kübelbäume auf Balkon und Terrasse

Die meisten Olivenbäume in deutschen Gärten kommen als Hochstamm mit runder Krone aus der Gärtnerei. Diese Form lässt sich halten, wenn man jedes Frühjahr auslichtet und die Kugel nicht mit der Heckenschere nachfährt. Für die Vase ist die Krone meist zu klein, die offene Mitte kann man trotzdem anlegen, indem man nach innen wachsende Zweige konsequent entfernt.

Zwei Besonderheiten bringt der Kübel mit. Erstens das Winterquartier: Bei wenig Licht treibt der Baum oft lange, dünne Triebe mit großen Abständen zwischen den Blättern. Diese Triebe dürfen im Frühjahr kräftig eingekürzt werden. Zweitens die Größe. Ein Baum, der jedes Jahr ins Haus oder in die Garage muss, braucht eine Höhe, die durch die Tür passt. Die Höhe begrenzt man, indem man den höchsten Leitast auf einen tiefer sitzenden Seitenast zurücknimmt. Ein Baum mit zu wenig Wurzelraum treibt ohnehin schwach, Topfgröße, Erde und Gießen gehören deshalb zur Pflege im Kübel dazu. Und je heller man den Baum überwintert, desto weniger dünne Geiltriebe fallen im Frühjahr an.

Alte Bäume in drei Jahren verjüngen

Ein Olivenbaum treibt auch aus altem, dickem Holz wieder aus. Darauf beruht die Verjüngung, die man in Südeuropa an verwilderten Hainen sieht: Hohe Bäume werden auf ein bis zwei Meter heruntergesetzt und wachsen aus den Stümpfen neu. Für einen Gartenbaum empfiehlt sich, diese Arbeit auf drei Jahre zu verteilen und jedes Frühjahr etwa ein Drittel der alten Äste herauszunehmen. So bleibt genug Laub stehen, um die Wurzeln zu versorgen.

Ehrlich gesagt sollte man sich die Radikalkur gut überlegen. In unserem Klima wächst ein Olivenbaum langsam, und Lücken in der Krone füllen sich über Jahre. Bei einem kranken oder durch Frost stark geschädigten Baum ist der kräftige Rückschnitt im Frühjahr dagegen oft die einzige Chance.

Schere, Säge und die Schnittstelle

Für dünne Zweige genügt eine scharfe Bypass-Gartenschere, für Äste ab etwa Daumendicke eine Astschere und darüber eine kleine Baumsäge. Stumpfe Klingen quetschen das Holz, die Wunde franst aus und verwächst schlechter. Die Klingen vor dem Schnitt mit Alkohol abwischen, besonders wenn an anderen Bäumen im Garten schon Knoten oder kranke Triebe aufgefallen sind. Große Wunden behandeln manche Gärtner mit Wundwachs, kleine Schnitte schließen sich von selbst.

Am Ast selbst setzt man knapp außerhalb des leicht verdickten Rings an, mit dem ein Zweig am Ast ansetzt. Lange Stummel trocknen ein, ein zu tiefer Schnitt in den Ring vergrößert die Wunde. Bei schweren Ästen erst ein Stück weiter außen entlasten, dann den Rest sauber absägen, damit die Rinde nicht nach unten wegreißt.

Und was wird aus dem Schnittholz?

Olivenholz ist hart, schwer und schön gemasert, deshalb liegt die Idee nahe, aus einem dicken Ast ein Schneidebrett zu machen. Vom Terrassenbaum reicht das Holz dafür selten, für einen Kochlöffel, einen Griff oder ein kleines Brettchen eher. Frisches Olivenholz muss langsam und lange trocknen, sonst reißt es. Ein Brett aus Olivenholz kauft man deshalb besser fertig, gut getrocknet und geölt. Dünne Zweige mit Blättern lassen sich übrigens als Deko für Kränze verwenden, sie halten getrocknet ihre graugrüne Farbe.

Geschnittene Olivenzweige, Astquerschnitt, Gartenschere und Baumsäge auf einem Tisch

Häufige Fragen

Wann schneidet man einen Olivenbaum in Deutschland?

Am besten im April oder Anfang Mai nach dem Winterquartier und vor der Blüte, an einem trockenen Tag ohne Frost in den folgenden Nächten. Kleine Korrekturen gehen bis in den Frühsommer.

Darf man einen Olivenbaum im Herbst schneiden?

Nur leicht. Frische Wunden vor dem Winter sind anfällig für Frost. Im Herbst entfernt man höchstens trockene oder abgebrochene Zweige und kürzt, wenn nötig, so weit, dass der Baum ins Winterquartier passt.

Warum blüht mein Olivenbaum nach dem Schnitt nicht?

Meist wurden die Vorjahrestriebe gekürzt, an denen die Blüten sitzen. Es gibt aber andere Gründe, etwa einen zu warmen Winter oder eine Sorte, die fremden Pollen braucht. Die Ursachen für Blüte ohne Früchte sind gut untersucht.

Muss man einen Olivenbaum jedes Jahr schneiden?

Nein. Ein Kübelbaum verträgt einen leichten jährlichen Schnitt gut, ein Baum im Garten kommt auch mit einem Schnitt alle zwei oder drei Jahre aus. Tote und kranke Zweige sollte man aber immer zeitnah entfernen.

Was tun gegen Knoten an den Zweigen?

Verdickte, raue Wucherungen deuten auf den Olivenknoten hin. Befallene Zweige bei trockenem Wetter herausschneiden und das Werkzeug danach reinigen. Wie sich Knoten, Pfauenauge und Schildläuse unterscheiden, zeigt die Diagnosetabelle zu gelben Blättern und Krankheiten am Olivenbaum.

Quellen

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