Im Juni 2018 zog das New England Journal of Medicine einen viel zitierten Ernährungsartikel zurück. Gleichzeitig druckte es eine neu gerechnete Fassung derselben Studie, und deren Zahlen sahen fast so aus wie die alten. Die Rede ist von PREDIMED, der spanischen Studie, auf die sich bis heute beruft, wer Olivenöl mit dem Herzen in Verbindung bringt.
Zwischen 2003 und 2010 bekamen dafür 7.447 ältere Menschen mit hohem Herz-Kreislauf-Risiko entweder natives Olivenöl extra, Nüsse oder den Rat, weniger Fett zu essen. Die erste Auswertung von 2013 meldete rund 30 Prozent weniger Herzinfarkte, Schlaganfälle und Herztode in den beiden Mittelmeergruppen. Zurückgezogen wurde sie, weil bei der Zufallszuteilung Fehler passiert waren. Was davon heute noch trägt, lässt sich ziemlich genau sagen.

Ein Liter Öl pro Woche für den Haushalt
Rekrutiert wurde über Hausarztpraxen an elf Studienzentren in ganz Spanien. Aufnehmen ließen sich Männer zwischen 55 und 80 und Frauen zwischen 60 und 80 Jahren, am Ende waren 57 Prozent der Teilnehmer Frauen. Eine Herz-Kreislauf-Erkrankung hatte zu Beginn niemand. Gefährdet waren trotzdem alle, entweder wegen eines Typ-2-Diabetes oder wegen mindestens drei Risikofaktoren aus dieser Liste: Rauchen, Bluthochdruck, ungünstige Blutfette, Übergewicht, frühe Herzerkrankungen in der Familie.
Die erste Gruppe aß mediterran und bekam dazu kostenlos natives Olivenöl extra, etwa einen Liter pro Woche für den ganzen Haushalt. Die zweite aß ebenfalls mediterran und erhielt rund 30 Gramm Nüsse am Tag, eine Mischung aus Walnüssen, Haselnüssen und Mandeln. Die dritte sollte alle Fette reduzieren und bekam statt Öl oder Nüssen kleine Haushaltsgeschenke. Diätassistentinnen berieten alle Gruppen vierteljährlich. Kalorien zählte niemand, Sport gehörte nicht zum Programm.
Ob das Öl tatsächlich in der Pfanne landete, kontrollierten die Forscher unter anderem im Urin. Dort taucht Hydroxytyrosol auf, ein Abbauprodukt der Olivenöl-Polyphenole. Als Hauptziel galt ein kombinierter Endpunkt aus Herzinfarkt, Schlaganfall und Tod durch Herz-Kreislauf-Ursache. Nach einer vorab geplanten Zwischenauswertung beendete das Studienkomitee die Studie, im Mittel waren die Teilnehmer da 4,8 Jahre dabei.
288 Ereignisse und ein halber Prozentpunkt
So viele schwere Herz-Kreislauf-Ereignisse kamen insgesamt zusammen. Wie sie sich verteilten und wie wenig sich die Hazard Ratios zwischen der Originalfassung und der korrigierten Fassung unterscheiden, zeigt die Tabelle.
| Gruppe | Ereignisse | Anteil | Hazard Ratio 2013 | Hazard Ratio 2018 |
|---|---|---|---|---|
| Mittelmeerdiät mit Olivenöl extra | 96 | 3,8 % | 0,70 (0,54 bis 0,92) | 0,69 (0,53 bis 0,91) |
| Mittelmeerdiät mit Nüssen | 83 | 3,4 % | 0,72 (0,54 bis 0,96) | 0,72 (0,54 bis 0,95) |
| Fettarme Kontrolldiät | 109 | 4,4 % | Referenz | Referenz |
Eine Hazard Ratio von 0,69 bedeutet, dass das Risiko für ein Ereignis in der Olivenölgruppe während der Beobachtung gut 30 Prozent unter dem der Kontrollgruppe lag. In Klammern steht jeweils das 95-Prozent-Konfidenzintervall. Absolut sieht das bescheidener aus. Zwischen 4,4 und 3,8 Prozent liegt etwa ein halber Prozentpunkt, verteilt auf knapp fünf Jahre. Für eine Ernährungsumstellung ohne Tablette ist das beachtlich, für den Einzelnen bleibt es ein kleiner Unterschied.
Leicht zu überlesen ist, woher das Ergebnis kam. Getragen haben es vor allem die Schlaganfälle. Für Herzinfarkt und Herztod allein reichte die Zahl der Fälle nicht, um statistisch gesicherte Unterschiede zu zeigen.
Ein Anästhesist rechnet nach
Ins Rollen brachte die Sache John Carlisle, ein britischer Anästhesist. Er prüfte 2017 in der Fachzeitschrift Anaesthesia die Ausgangsdaten von 5.087 randomisierten Studien daraufhin, ob die Unterschiede zwischen den Gruppen zu einer echten Zufallszuteilung passen. Bei PREDIMED passten sie nicht ganz. Manche Ausgangswerte lagen zwischen den Gruppen enger beieinander oder weiter auseinander, als der Zufall es erwarten ließ.
Die Studienleitung suchte nach dem Grund und fand drei Abweichungen vom Protokoll. Ehepartner und andere Mitbewohner waren ohne eigene Auslosung in die Gruppe des ersten Teilnehmers gekommen. Praktisch leuchtet das ein, ein Haushalt kocht schlecht zwei Diäten nebeneinander. An einem der elf Zentren hatte ein Studienarzt ganze Hausarztpraxen statt einzelner Personen zugeteilt. An einem weiteren Zentrum wurden die Zufallstabellen offenbar uneinheitlich benutzt. Zusammen betraf das 1.588 Teilnehmer.
Für die Neuauswertung nahmen die Autoren statistische Verfahren, die nicht mehr voraussetzen, dass jede einzelne Person ausgelost wurde. In einer zweiten Rechnung ließen sie die 1.588 Betroffenen ganz weg. Beide Male kam Ähnliches heraus. Geändert hat sich vor allem die Sprache, und das ist der Teil, den ich beim Nebeneinanderlegen der beiden Fassungen am aufschlussreichsten fand. 2013 hieß es, die Mittelmeerdiät habe die Ereignisse verringert. 2018 steht nur noch da, die Ereignisrate sei in den Mittelmeergruppen niedriger gewesen. Mit Wortklauberei hat das wenig zu tun. Für einen Teil der Teilnehmer ist PREDIMED seitdem eher eine Beobachtung als ein sauberes Experiment.

Die Einwände, die auch ohne Rückzug bleiben
Selbst eine fehlerfrei ausgeloste Fassung hätte Schwachstellen gehabt. Die gewichtigste betrifft die Kontrollgruppe. Sie sollte weniger Fett essen, senkte ihre Fettaufnahme aber nur wenig. Verglichen wurde also eher Mittelmeerkost mit Extras gegen die übliche spanische Kost als gegen eine echte fettarme Diät. Dazu kam eine ungleiche Betreuung. In den ersten Jahren erhielt die Kontrollgruppe vor allem ein jährliches Merkblatt, erst ab 2006 wurde sie so oft beraten wie die Mittelmeergruppen.
Verblindet war ebenfalls nichts. Jeder wusste, in welcher Gruppe er war, und kostenloses Öl oder Nüsse sind ein spürbarer Anreiz, bei der Stange zu bleiben. Hinzu kommt der vorzeitige Stopp. Früh abgebrochene Studien überschätzen Effekte eher, als dass sie sie unterschätzen.
Bleibt die Frage, für wen die Zahlen gelten. Die Teilnehmer waren ältere Spanier mit hohem Risiko, die schon vor Studienbeginn viel Olivenöl verwendeten. Ob sich das auf jüngere, gesunde Menschen in Deutschland übertragen lässt, kann PREDIMED nicht beantworten.
Berechtigt sind diese Einwände alle. Vernichtend ist keiner. Die neu gerechneten Zahlen stimmen mit vielen Beobachtungsstudien überein, und die spanische Arbeitsgruppe hat die Fehler selbst offengelegt. Für eine Ernährungsstudie dieser Größe bleibt PREDIMED ungewöhnlich sorgfältig gemacht, nur eben nicht mit der Beweiskraft einer Arzneimittelstudie.
Öl, Nüsse oder einfach bessere Beratung?
Hier entsteht das häufigste Missverständnis. Getestet wurde in PREDIMED nie Olivenöl gegen kein Olivenöl. Getestet wurde ein ganzes Ernährungsmuster mit Beratung, und das Öl war ein Teil davon. Welcher Anteil des Effekts auf das Öl, die Nüsse oder die übrigen Änderungen auf dem Teller zurückgeht, gibt das Hauptergebnis nicht her.
Etwas näher kommt eine Zusatzauswertung, die 2014 in BMC Medicine erschien. Das Team um Marta Guasch-Ferré behandelte 7.216 Teilnehmer wie eine Beobachtungskohorte und fragte nur, wie viel Olivenöl jemand tatsächlich aß. Im obersten Drittel beim Verbrauch von nativem Olivenöl extra lag das Herz-Kreislauf-Risiko um 39 Prozent niedriger als im untersten Drittel. Rechnerisch sank es je zusätzliche 10 Gramm am Tag, also ungefähr je Esslöffel, um 10 Prozent. Weil es sich um eine Beobachtung handelt, kann der Zusammenhang allerdings auch an anderen Eigenschaften der Vielverbraucher hängen.
Aus dem Datensatz sind zahlreiche Unterauswertungen entstanden, zu Diabetes, Brustkrebs, Gedächtnis. Bei 3.541 Teilnehmern ohne Diabetes trat in der Olivenölgruppe innerhalb von 4,1 Jahren seltener ein neuer Typ-2-Diabetes auf, die Hazard Ratio lag bei 0,60 (Salas-Salvadó, Annals of Internal Medicine 2014). In der Nussgruppe war der Unterschied nicht gesichert, und die Auswertung stammt aus der Zeit vor der Korrektur. Eine Arbeit von 2015 in JAMA Internal Medicine fand bei 4.152 Frauen der Olivenölgruppe weniger Brustkrebs, Hazard Ratio 0,32. Dahinter stehen aber nur 35 Fälle insgesamt, mehr als ein Hinweis ist das nicht.
Unterauswertungen wiegen grundsätzlich leichter als das Hauptergebnis, weil die Fallzahlen klein sind und viele Fragen gleichzeitig gestellt werden. Wie die Diabetes- und Blutdruckdaten im größeren Zusammenhang aussehen, beschreibt der Text über Olivenöl bei Entzündung, Blutdruck und Diabetes. Die Denktests aus zwei PREDIMED-Zentren sind beim Thema Olivenöl und Gehirn ausführlich besprochen.
Seit 2013 läuft übrigens ein Nachfolger. PREDIMED-Plus untersucht an 23 Zentren übergewichtige Menschen zwischen 55 und 75 Jahren mit metabolischem Syndrom. Beide Gruppen essen mediterran mit Olivenöl, die Interventionsgruppe soll zusätzlich etwa 600 Kilokalorien am Tag einsparen, sich mehr bewegen und abnehmen. Ruiz-Canela und Kollegen berichteten 2025 in den Annals of Internal Medicine über 4.746 Teilnehmer ohne Diabetes. In der Interventionsgruppe traten über sechs Jahre 31 Prozent weniger neue Diabetesfälle auf. Über das Öl selbst verrät das wenig, denn das bekamen beide Gruppen. Ergebnisse zum Herz-Kreislauf-Hauptziel stehen noch aus.
So zitiert man PREDIMED heute richtig
Gemeint sein sollte die Fassung von 2018, und dazu gehört der Hinweis, dass eine Mittelmeerdiät mit Olivenöl getestet wurde. Belegt ist damit Folgendes: Menschen mit hohem Risiko, die diese Kost mit reichlich nativem Olivenöl extra verfolgten, erlitten seltener einen Schlaganfall, Herzinfarkt oder Herztod als die Vergleichsgruppe. Dass ein Löffel Öl am Tag vor dem Herzinfarkt bewahrt, steht nirgends in der Studie.
Wie gut sich das mit CORDIOPREV und den großen amerikanischen Pflegekräfte-Kohorten verträgt, ist im Überblick zu Olivenöl und Herz-Kreislauf zusammengetragen. Und warum die Spanier ausgerechnet natives Olivenöl extra verteilten und kein raffiniertes, hat mit den Güteklassen zu tun und mit dem, was raffiniertes Öl beim Reinigen verliert, vor allem die Polyphenole.

Häufige Fragen
Wurde PREDIMED widerlegt?
Nein. Zurückgezogen wurde die Originalarbeit von 2013 wegen Fehlern bei der Zufallszuteilung. Die Neuauswertung von 2018 kam auf fast dieselben Zahlen. Die Beweiskraft ist geringer als zunächst angenommen, das Ergebnis steht weiter.
Wie viel Olivenöl nahmen die Teilnehmer zu sich?
Empfohlen waren mindestens vier Esslöffel am Tag. Jeder Haushalt bekam etwa einen Liter natives Olivenöl extra pro Woche, den sich Teilnehmer und Familie teilten.
Lag der Effekt am Olivenöl allein?
Das lässt sich aus PREDIMED nicht ablesen. Getestet wurde eine Mittelmeerdiät mit Olivenöl gegen eine Kontrollkost. Beobachtungsauswertungen deuten auf einen Zusammenhang mit der Ölmenge hin, beweisen ihn aber nicht.
Gilt das Ergebnis auch für gesunde jüngere Menschen?
Untersucht wurden 55- bis 80-Jährige mit hohem Risiko. Für Jüngere und Gesunde liefert PREDIMED keine direkten Daten.
Was ist PREDIMED-Plus?
Der Nachfolger, seit 2013 an 23 spanischen Zentren. Beide Gruppen essen mediterran mit Olivenöl, eine spart zusätzlich Kalorien ein und bewegt sich mehr. Die Ergebnisse zum Herz-Kreislauf-Hauptziel stehen noch aus.
Quellen
- Estruch R et al. (2018): Primary Prevention of Cardiovascular Disease with a Mediterranean Diet Supplemented with Extra-Virgin Olive Oil or Nuts. New England Journal of Medicine, randomisierte Studie, 7.447 Teilnehmer
- Estruch R et al. (2013): Primary Prevention of Cardiovascular Disease with a Mediterranean Diet. New England Journal of Medicine (zurückgezogen 2018)
- Estruch R et al. (2018): Retraction and Republication. New England Journal of Medicine
- Carlisle JB (2017): Data fabrication and other reasons for non-random sampling in 5087 randomised, controlled trials. Anaesthesia
- Guasch-Ferré M et al. (2014): Olive oil intake and risk of cardiovascular disease and mortality in the PREDIMED Study. BMC Medicine, Beobachtungsauswertung, 7.216 Teilnehmer
- Salas-Salvadó J et al. (2014): Prevention of diabetes with Mediterranean diets. Annals of Internal Medicine, Unterauswertung, 3.541 Teilnehmer
- Toledo E et al. (2015): Mediterranean Diet and Invasive Breast Cancer Risk in the PREDIMED Trial. JAMA Internal Medicine, 4.152 Frauen
- Ruiz-Canela M et al. (2025): Energy-Reduced Mediterranean Diet and Physical Activity in the Prevention of Type 2 Diabetes (PREDIMED-Plus). Annals of Internal Medicine, 4.746 Teilnehmer

